1961 – 1979: Rafael Kubelík

Rafael Kubelík (c) BR/Hans Grimm
Rafael Kubelík probt ...
Rafael Kubelík (c) BR/Fred Lindinger
... mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks.
Rafael Kubelík (c) BR/Sessner
1970: Kubelík dirigiert Beethovens 9. Symphonie im Herkulessaal München ...
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... das Publikum "applaudierte ohne Unterlaß und war kaum dazu zu bewegen, den Herkulessaal zu räumen" schreibt der Münchner Merkur über das Konzert.
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Konzert 1975 im Herkulessaal, München
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1978: Konzert im Herkulessaal ...
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... mit Kubelík und Daniel Barenboim am Flügel.
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Bei der Probe in der Basilika Ottobeuren 1982
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Der Dirigent tschechischer Herkunft erweiterte das Repertoire des Orchesters um Werke slawischer Komponisten, wie Smetana, Janáček und Dvořák. (Porträt von 1984)
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Eugen Jochum zu Gast bei Kubelíks 65. Geburtstag
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Kubelík im Jahr 1990
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Konzert mit Colin Davis zu Kubelíks 75. Geburtstag in der Münchner Philharmonie

Neben Karajan, Bernstein und Solti gehört Rafael Kubelík zu den großen Dirigenten der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Der Nachfolger von Eugen Jochum stand von 1961 bis 1979 dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks ungewöhnlich lange vor.

Mit dem international erfahrenen Chefdirigenten tschechischer Herkunft kam die „wunderbare Ära Kubelík“, wie der damalige Oboist Gustav Meyer sie bezeichnete. Sie erwies sich als eine äußerst fruchtbare Phase in der Geschichte des Klangkörpers. Kubelík verstand es, die Musiker mit Leidenschaft und künstlerischer Kompetenz in seinen Bann zu ziehen und zu begeistern. Unter seiner Leitung wurde das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks laut FAZ zu einem „geschmeidig agierenden, klangvollen und technisch souveränen Ensemble“.

Die tschechische Musik war tief in Kubeliks Seele verwurzelt. So erweiterte der Dirigent das Repertoire des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks um Werke slawischer Komponisten, wie Smetana, Janáček und Dvořák. Er setzte sich auch für Komponisten des 20. Jahrhunderts wie Karl Amadeus Hartmann ein. Seit dem NS-Regime waren die Werke des jüdischen Komponisten Gustav Mahler in Deutschland kaum noch aufgeführt worden – unter Kubelík spielte das Orchester als erstes deutsches Orchester einen Zyklus der Mahler-Symphonien ein. Darüber hinaus reichte Kubelíks breites Repertoire von Bach und Mozart über Beethoven, Schubert, Wagner und Brahms bis hin zu Reger, Pfitzner, Bartók, Debussy und Schönberg.

Mit Mut und Meinung

Kubelik verfolgte nicht nur das politische Geschehen seiner Heimat und rief sogar zum Protest auf, als 1968 die Truppen der Sowjets und des Warschauer Paktes in Prag einmarschierten. Auch in München bezog er politisch Stellung gegen das neue Bayerische Rundfunkgesetz, das 1972 verabschiedet werden sollte. Demnach hätte der Staat stärker auf das öffentlich-rechtliche Rundfunksystem einwirken können. Kubelík drohte, seinen Vertrag nicht mehr zu verlängern, da er unter solchen Umständen die Zusammenarbeit mit dem BR nicht mehr mit sich vereinbaren könne. Seine Worte hatten Erfolg: das Gesetz wurde neu formuliert und Kubelík führte seine Stellung als Chefdirigent fort. Erst als er sein Pensionsalter erreicht hatte, gab er die Leitung 1979 ab. Als Gastdirigent war er dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks noch einige Jahre länger verbunden, nachdem sein designierter Nachfolger Kyrill Kondraschin überraschend im März 1981 gestorben war.

Zum 40-jährigen Bestehen des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks 1989 schrieb Rafael Kubelík: „Die vielen Jahre unseres gemeinsamen Musizierens – insgesamt doch fast 25 – waren ein einzigartiger Beweis dafür, wie Musik Menschen verbrüdern kann. Nur im Geiste des gegenseitigen Respekts, der Freundschaft und der Liebe können wir Menschen frei leben – ohne die Lebensaufgabe, die jeder von uns trägt, zu vernachlässigen. Unser großes Glück ist, dass wir Musiker sind – Musik hat die Kraft, das Beste im Menschen zu erwecken und deshalb können wir die Erfüllung unserer Mission immer noch steigern. Musiziert ehrlich weiter, zu unser aller Freude!“

Ein Künstlerleben

Rafael Kubelík kam 1914 in Bychory unweit von Prag als Sohn des berühmten tschechischen Violinvirtuosen und Komponisten Jan Kubelík auf die Welt. Er wuchs in einer von Musik geprägten Familie auf. Seine künstlerische Laufbahn begann, als er zeitweise als Pianist seinen Vater auf dessen Tourneen durch Europa begleitete. Schon als 22-Jähriger dirigierte er die Tschechische Philharmonie.

„Ein Vogel singt nicht im Käfig. Ich habe meine Heimat verlassen, um nicht mein Volk verlassen zu müssen. … Ich glaube, dass man den Geist nicht fesseln darf durch die Politik.“ Rafael Kublík

1948, im Jahr des kommunistischen Putsches, verließ Kubelík die Tschechoslowakei und leitete zunächst das Chicago Symphony Orchestra. Neben seiner Stelle als Chefdirigent beim Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks bekleidete er weitere Spitzenpositionen des internationalen Musiklebens, so beim Concertgebouw Orkest in Amsterdam, dem Royal Opera House Covent Garden in London und der Metropolitan Opera New York. Seine Alltagserlebnisse verarbeitete er beim Komponieren.

„Prager Frühling“

Kubelík begründete das international bekannte Musikfestival „Prager Frühling“, das seit 1946 jährlich stattfindet. Als er seine Karriere als Dirigent aus gesundheitlichen Gründen bereits beendet hatte, überredete ihn Václav Havel, dieses Festival dennoch am Pult der Tschechischen Philharmonie 1990 zu eröffnen. Er dirigierte eine triumphale und bewegende Aufführung von Smetanas Tondichtung „Mein Vaterland“. Nach dem Ende des Kommunismus‘ war dies Kubelíks erster Auftritt in seiner Heimat seit seiner Emigration 1948. Am 11. August 1996 starb er im Alter von 82 Jahren in Luzern.