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Die Tischler 4250

Vor fünf Jahren erzählte der BRSO-Solo-Tubist Stefan Tischler seinem Instrumentenbauer von einer Tuba, die es noch nicht gibt. Jetzt holte er sie ab. Text: Florian Zinnecker.

Stefan Tischler (c) BR/Meisel

Er tastet nach dem Stimmbügel und nach den Ventilen, dann setzt er das Mundstück an und holt Luft; fünf Jahre hat er allein auf dieses Luftholen gewartet.

Geretsried bei München, ein Montag im Dezember. Stefan Tischler sitzt auf einem Hocker in der Werkstatt von Andreas Gambs und Ferdinand Kleinschmidt; auf seinen Oberschenkeln: neun Kilo Messing und Metall, eine versilberte, zusammengewickelte Röhre, fünfeinhalb Meter lang, Kosten: 17.000 Euro. Eine Sonderanfertigung, eigens für ihn entwickelt: eine neue F-Tuba. „Schönes Ding“, sagt er, dann schließt er die Augen und atmet aus.

Eine gute Geige wird wertvoll, wenn sie altert. Eine gute Tuba wird schlecht. Zwanzig gute Jahre hat ein Profi-Tubist mit einem Instrument, dann braucht er ein neues, das Metall wird dünner, umso schneller, je mehr daran gearbeitet wird; irgendwann schwingt es nicht mehr, und mit dem Schwingen verschwindet der Klang. Stefan Tischlers bisheriges Sortiment: zwei Basstuben in F, zwei Kontrabasstuben in B, dann noch zum Üben für unterwegs eine Trolley-Tuba mit Hoteldämpfer, die ins Handgepäck passt. Sein allererstes Instrument hat er damals als Student verkauft, um die erste gute Tuba anzahlen zu können.

„Tischler 4250“ sagen sie hier halb im Scherz zu der Neuentwicklung, als ginge es um eine Waffe oder eine Lokomotive, und vielleicht liegt man mit diesem Vergleich gar nicht so falsch.

Seit Jahren kauft er seine Instrumente hier in Geretsried, genauer: Er lässt sie maßschneidern. Bei Ferdi Kleinschmidt, einem redegewandten Tüftler mit Lesebrille, und bei Andreas Gambs, ein Mann mit blauer Schürze und breitem Lachen, auf dem Meisterbrief an der Wand steht seine Berufsbezeichnung: Metallblasinstrumentenbaumeister. Seit Jahrzehnten arbeiten die beiden mit Profi-Tubisten aus der ganzen Welt zusammen, warten die Instrumente, haben schon Gummibärchen aus dem Hauptbügel geborgen und aus dem Schalltrichter verlorene Stimmgeräte. Stefan Tischler nennt sie die besten Tubabauer der Welt, und er klingt nicht so, als ob er das als Scherz meint. Die Werkstatt liegt am Ortsrand von Geretsried, im Bunker einer alten Munitionsfabrik. Hier werden Trompeten gebaut, Flügelhörner, Posaunen, Baritone. Und Tuben, die Marke heißt: Melton/Meinl-Weston. Ein 200 Jahre altes Familienunternehmen, gegründet in Graslitz im Sudetenland, dann nach Krieg und Vertreibung in Königsdorf wiederaufgebaut: auf dem Hof eines Bauern, der sie irgendwann hinauswarf, weil die Hühner die Messingspäne aufpickten. 1952 zogen sie dann in die leere Munitionsfabrik. Vor fünf Jahren verkaufte es der Seniorchef an einen französischen Klarinettenhersteller. 35 Menschen arbeiten hier, es gibt auch noch eine Niederlassung in Marktneukirchen, dort liegen der Ventilbau, die Versilberung, der Versand.

Und Stefan Tischler, die Augen immer noch geschlossen, tastet sich derweil durch die Lagen des neuen Instruments, das so groß ist wie ein Oberkörper, durch die tiefen Lagen, die mittlere, die hohe. Er spielt Tonleitern, Intervalle, einen Bruchteil einer kleinen Melodie, dann weiter, von Ton zu Ton zu Ton.

Die F-Tuben werden immer größer, seit 25 Jahren schon, das war die Beobachtung, mit der alles begonnen hat. „Es ist wie beim Auto“, sagt Stefan Tischler, „alle wollen SUV fahren.“ Nur: Für viele Ensembles, kleinere Besetzungen, hellhörige Säle sind die Ungetüme zu wuchtig. „Man kann dann nicht mehr voll ausspielen, fährt mit angezogener Handbremse.“ Man bräuchte etwas kompakteres, sagt er, mit enger geführten Rohren, dichter gewickelt. Immer wieder unterhielt er sich mit Gambs und Kleinschmidt darüber, bald merkten die beiden, dass er es ernst meinte. Aber das war noch nicht alles. „Die F-Tuba, die ich vorher gespielt habe, war in den hohen Lagen ganz wunderbar, aber in der Tiefe nicht stabil.“ Stabile Tiefe, das heißt: wenn der Klang fast von allein kommt, ohne große Mühe, ohne Arbeit, mit sauberer Intonation. „Alles andere ist sehr frustrierend“, sagt Tischler. „Man braucht wahnsinnig viel Luft, um die klanglichen Defizite wegzuspielen, und kriegt keinen richtigen Sound hin.“ Deshalb also: ein neues Instrument. Brillant und singend in der hohen Lage, stabil in der tiefen. Eines, das es so noch nicht gibt.

Entscheidend für den Klang ist der Rohrverlauf. Wie weit ist die Röhre an welcher Stelle? Jede Tuba ist am Anfang ein langes, sich weitendes Rohr, das Mundstück am einen Ende, am anderen der Schalltrichter, dazwischen fünfeinhalb Meter gerolltes Messing: Hauptbügel, erster, zweiter und dritter Anschluss, Stimmbogen. Mundrohr, alles noch kerzengerade. „Es klingt schon nach Tuba, wenn man reinbläst“, sagt
Stefan Tischler und grinst „aber ich bin froh, dass jemand mal auf die Idee gekommen ist, das Ding aufzuwickeln.“

Dann, vor etwa zwei Jahren, klingelte das Telefon. „Du“, sagte Ferdi Kleinschmidt, „pass auf, wir haben da was in der Planung. Würden uns freuen, wenn du von Zeit zu Zeit mal vorbeischaust.“

Fast alles ist Handarbeit, es gibt keine Maschinen, die gut genug sind. Der Stimmbogen wird aus Blech zugeschnitten, gefaltet, verlötet, verwalzt, verhämmert, sodass er eine durchgehende Wandstärke hat. Dann beginnen die Feinheiten: „Wickle ich’s breit auf oder hoch, nehme ich den Stimmzug seitwärts oder abwärts? Das sind alles Faktoren, die man am Ende hört“, sagt Kleinschmidt. „Ich muss immer im Kopf behalten: Was ist die Aufgabenstellung? Wo soll es klanglich hingehen?“ Durch das Fünfeinhalb-Meter-Rohr jagt Kleinschmidt in einem Messzimmer einen Sinus-Ton, um zu erfahren: Wie schwingt das Material, welche Töne werden am besten verstärkt, muss das Mundrohr vielleicht enger und das Schallstück weiter sein? An der Wand des Messzimmers hängen Skizzen und, eingerahmt, das Foto einer
B-Tuba, darüber steht ihr Name: Fafner, wie der Drache aus Wagners Siegfried.

Das Instrument, sagt Stefan Tischler, ist mehr als ein Gebrauchsgegenstand, viel mehr als ein Arbeitsgerät. „Klar, im Grunde ist das nur eine Konstruktion aus Metall und Messing, aber das vergisst man eigentlich sofort. Wenn ich auf der Bühne sitze und etwas Schwieriges zu spielen habe, dann ist es gut zu wissen, dass die Tuba da ist. Dass ich mich auf sie verlassen kann. Dann weiß ich, das stehen wir jetzt zusammen durch.“ Fünf Ventile mit Drehmechanik, hat die Tischler 4250, gebaut in Marktneukirchen, jedes hat ein federgeführtes Doppelminibalgelenksystem.

Das perfekte Blechblasinstrument gibt es nicht, sagt Ferdi Kleinschmidt. Der fünfte Oberton ist immer zu tief, der sechste ist immer zu hoch. Tubaspielen bedeutet: dafür sorgen, dass man die Mängel nicht hört.

In der Werkstatt ist Stefan Tischler, das Instrument auf den Schenkeln, in den ganz hohen Lagen angekommen. Das ist sie jetzt also. So klingt sie also.

Die Tuba entstand, mit der Erfindung der Ventile, um 1835. Hector Berlioz setzte sie in seiner Symphonie fantastique als erster im Orchester ein, schnell folgten andere, Wagners Ring des Nibelungen ist ohne Tuba und Kontrabass-Tuba nicht denkbar. „Im Orchester gilt die Tuba manchmal als Verlängerung des Posaunensatzes“, sagt Ferdi Kleinschmidt. „Aber sie ist etwas ganz anderes – denn Posaunen sind zylindrisch gebaut“, aus gerade laufenden Rohren, „dadurch klingen sie viel heller und härter, die Tuba ist konisch gebaut, als einziges Blechblasinstrument überhaupt.“

Stefan Tischler (c) BR/Meisel

Im Keller des alten Bunkers werden die konischen Rohre mit dem Flammenwerfer angeweicht, Andreas Gambs sagt: geglüht. Das macht das Blech formbar. Im Zimmer nebenan befindet sich die Hexenküche: zwei Kessel mit flüssigem Blei, das in die noch nicht gebogenen Rohre gefüllt wird. Es ist wichtig, dass die Rohre beim Biegen gleichmäßig rund bleiben, und es wäre fatal, wenn sie einknicken würden, deshalb das Blei: als leicht biegsamer Füllstoff. Nach dem Biegen wird es wieder heiß gemacht und ausgeschmolzen. Nicht jedes Rohr hält das aus, der Ausschuss liegt in den Gängen herum.

Vor einem Holzbock, im Keller des Bunkers in Geretsried, steht ein Kollege von Andreas Gambs und biegt Schallstücke. Mit einem Hammer schlägt er die Falten aus dem Blech, die sich beim Biegen einziehen, dann fasst er das Schallstück mit beiden Händen und zimmert es mit Wucht auf den Holzbock, jeder Schlag bringt eine Krümmung um ein paar Grad. Dann wieder Falten ausklopfen. Und dann der nächste Schlag.

Der Hauptbügel, der später vor der Nase des Spielers verläuft, besteht aus einem Stück Blech, das verzahnt wird, gerollt und zu einem Rohr zusammengelötet, zwei Mann arbeiten an einem Bügel einen ganzen Tag. Die Lötnaht wird später auspoliert. Nach dem gleichen Prinzip werden auch die kleineren Rohre gebaut, die Zuschnitte werden gestanzt mit einer Maschine, die früher mal eine Weinpresse war. Das Licht fällt durch milchige Sprossenfenster in die Fabrik, es ist kalt hier, bis warme Töne entstehen, dauert es noch ein paar Arbeitsschritte. Natürlich, man könnte auch fertige Rohre nehmen, das würde viel Zeit, Geld und Aufwand sparen, aber man hört den Unterschied, sagt Ferdi Kleinschmidt, gerollte Rohre klingen besser. Und wenn der Klang stimmt, ist der Aufwand egal. Gute Arbeit ist teuer, sagt Stefan Tischler, als er durch die Fabrik läuft. Guter Klang dagegen ist unbezahlbar.

Für die Tischler 4250 gilt, wie für jedes andere Instrument: Je besser es ist, desto schwerer ist es zu beherrschen. „Ich muss die Möglichkeiten, die es mir bietet, erkennen und nutzen können“, sagt Ferdi Kleinschmidt. Das Modell ist ein historischer Nachbau, ist klangund ansprache-optimiert. „Aber, um wieder in den Formel-1-Vergleich zu gehen: Man muss auch ein bisschen fahren können.“

Jede Tuba ist ein Einzelstück, mit Schwächen und Stärken. Keine Tuba der Welt ist perfekt. Jeder Tuba-Ton braucht ein bestimmtes Maß an Kraft und Luft, jeder Ton hat ein Zentrum. Sich an ein neues Instrument zu gewöhnen bedeutet zu lernen: Wie spiele ich welchen Ton an, damit er so klingt, wie ich es will? Oben in der Werkstatt setzt Stefan Tischler jetzt die Tuba ab. Öffnet die Augen, und sagt zu Gambs und Kleinschmidt: „Meisterwerk.“

Im Sommer 2016 nimmt Stefan Tischler den ersten Rohtyp mit nach Bayreuth, macht ausgiebige Tests im Orchestergraben, spielt darauf „Tristan und Isolde“. „Die Grundrichtung war erkennbar, die Intonation noch nicht homogen genug, noch zu wackelig, man musste noch zu viel arbeiten. Aber es war klar: Das wird was.“ Also zurück in die Werkstatt, die Kinderkrankeiten ausmerzen, die Proben und Vorstellungen macht so lange weiter die alte, große F-Tuba. Und immer wieder nach Geetsried: spielen, messen, Probeaufnahmen machen. Immer wieder mit dem Instrument nach München, ausprobieren, wie sie sich mit den Posaunen verträgt, wie sie sich im Herkulessaal durchsetzt und wie im Gasteig.

Der letzte Feinschliff folgt jetzt: am Mundrohr und am Stimmzug, da, glaubt Stefan Tischler, hat die Tuba ihre Seele. Das Mundrohr wird auf die richtige Höhe gebogen, Ferdi Kleinschmidt sagt: ergonomisch angepasst. Die Tischler 4250 ist jetzt nicht nur auf Stefan Tischlers Anregung entstanden, sie ist ihm auch auf den Leib geschneidert.

Die Weihnachtsferien verbringt er im Instrumentenlager der Residenz, ein Zimmer schräg unterhalb der Orgel hinter dem Herkulessaal, und lernt, Ton für Ton, Lage für Lage, die Tischler 4250 kennen. Niemand da, der zuhört, niemand, der stört, nur er und die Tuba. Brillant und singend in der Höhe, leicht und stabil im Bass. Die Töne strömen durchs leere Treppenhaus, durch die leere Kantine, durch den Fahrstuhlschacht, hinein in den leeren Saal, jeden Tag, manchmal zwei Stunden, machmal drei, und jeden Tag geht es besser. „Sie hat eine eigene Intonation“, sagt er. Ein paar Töne liegen anders als auf anderen Instrumenten, man muss sich herantasten und einfühlen. Die Tuba kennenlernen. Und die Tuba ihn.

Und dann bemerkt niemand etwas. An einem Montag im Januar nimmt er die neue Tuba zum ersten Mal mit in die Probe, „Also sprach Zarathustra“ von Richard Strauss, für ein Gastspiel in der Elbphilharmonie. Die Lichter blitzen im Schallbecher, die Töne sitzen. Irgendwann, nach ein paar Tönen in der tiefen Lage, schaut der Kollege Lukas Gassner an der Bassposaune herüber, anerkennend, deutet auf die Tuba und meint: „Die tiefe Lage – die war doch sonst nicht so?“ „Das war ein doppeltes Kompliment“, sagt Stefan Tischler – das Lob des Kollegen und der Umstand, dass vorher so lange niemand was gemerkt hat. Angekommen, im besten Sinn. Fünfeinhalb Meter Rohr, neun Kilo Messing und Metall, klar, es gibt kein perfektes Instrument. Aber wenn man dieses hört, kann man das schon mal vergessen.

Stefan Tischler (c) BR/Meisel
Stefan Tischler (c) BR/Meisel
Stefan Tischler (c) BR/Meisel