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„Manchmal tue ich nur so, als würde ich die Schlägel wechseln“

Zehn Schlägelpaare reichen eigentlich, um ein Musikerleben lang an der Pauke durchzukommen, sagt BRSO-Solopauker Raymond Curfs. Er selbst hat etwa 400, darunter auch einige, die seinen Namen tragen. Das Interview führte Florian Zinnecker.

Raymond Curfs (c) BR/Meisel

Herr Curfs, machen es Ihnen die Pauken manchmal schwer?

Überhaupt nicht, die machen mir Riesenspaß. Wenn, dann sind es meine musikalischen Ansprüche, mit denen ich mich fertig mache. Das hat nichts mit dem technischen Beherrschen zu tun. Sondern damit, im richtigen Moment genau die Farbe zu erzielen, die ich treffen will.

Wie findet man heraus, welche Farben in der Pauke stecken?

Das ist einfach, aber es kostet Zeit. Man setzt sich hin, nimmt einen Schlägel in die Hand, spielt ganz langsam einen Schlag nach dem anderen, tausend am Tag, vielleicht auch zehntausend, und hört zu. Ich spiele ja auf Naturfellen; die klingen an manchen Stellen schöner als an anderen – wärmer, heller, dunkler. Wichtig ist auch, wie man den Schlägel hält, zwischen Daumen und Zeigefinger oder zwischen Zeige- und Mittelfinger, mit der zweiten Fingerkuppe oder der dritten, das macht alles feine Unterschiede. Das öffnet eine Klangpalette, die man nicht für möglich gehalten hätte. Man kann natürlich auch die Schlägel wechseln, aber ich finde es anders spannender. Manchmal…ach, das sage ich lieber nicht.

Schlagwerk (c) BR/Meisel

Was denn?

Es kommt vor, dass ein Dirigent sich mehr Stakkato wünscht oder mehr Marcato; meistens fragen sie dann nur: „Haben Sie härtere Schlägel?“ Manchmal tue ich dann nur so, als würde ich die Schlägel wechseln, ich drehe mich um und mache ein bisschen Krach, nehme dann aber dieselben und setze nur die Finger anders, und das ist es dann.

Sie kommen also mit einem Paar Schlägeln aus?

Nein, so ist es nicht, leider. Die Schlägel, mit denen ich Mozart und Haydn spiele, kann ich nicht für Strauss und Wagner benutzen, für Beethoven nehme ich nicht dieselben wie für Mahler. Man könnte sich ein Set von acht bis zehn Paaren zurechtlegen, damit könnte man sein Leben lang durchkommen…

Aber?

Aber man sucht doch immer nach etwas Neuem, einem neuen Detail, einer besonderen Klangfarbe – und ehe man sich versieht, hat man dreihundert, vierhundert Paar. Manche gehen kaputt, andere verschenkt man an Studenten. Aber dann, bei irgendeinem Stück, hat der Dirigent einen besonderen Wunsch, und mir fällt ein: Dieses eine Paar mit den kleinen roten Köpfen, sicher seit zehn Jahren nicht benutzt, aber jetzt ist es ideal. Und dann fängt man an zu graben.

Wenn man bei Musikalienhändlern nach Paukenschlägeln sucht, findet man ein Modell, das Ihren Namen trägt. Ihre Erfindung?

Die Entwicklung dauerte fast vier Jahre. Sie begann damit, dass eine Firma aus Japan, die in der Schlagzeugszene sehr bekannt ist, mich um meine Meinung gebeten hat. Sie haben mir eine Kiste mit Schlägeln geschickt, und ich habe geantwortet: Paar A ist zu dick, Paar B zu schmal, Paar C hat zu kleine Köpfe, bei Paar D gefällt mir der Filz nicht, Paar E ist zu kopflastig, und so weiter. So habe ich begonnen mich damit stärker auseinanderzusetzen, wir haben Kisten hin- und hergeschickt, ausprobiert und experimentiert. Daraus wurden dann drei Modellreihen, die meinen Namen tragen. Auf unserer Japan-Tournee war ich dann auch persönlich in der Firma – wir dachten alle, das ist sicher eine riesige Fabrik mit Maschinen. Aber die Werkstatt ist winzig, trotz ihres riesigen Rufs. Und in dieser winzigen Werkstatt wird alles mit der Hand gemacht. Das hat mich sehr angesprochen, es sind keine Massenwaren, jedes Paar Schlägel ist individuell.

Raymond Curfs (c) BR/Meisel

Wie sieht der perfekte Paukenschlägel aus?

Die, die ich spiele, haben Bambusstäbe und Filzköpfe in verschiedenen Härtegraden. Der Filz darf nicht zu schnell aufgehen, sonst wird der Klang fluffig und wolkig, und man hört den Kern nicht mehr. Zu fest darf er auch nicht sein, sonst hört man immer den Anschlag, das attaque, und das ist bei Piano- und Pianissimo-Wirbeln störend. Man kann es sich sehr schwer machen damit (lacht), ich finde es aber wahnsinnig interessant, denn man lernt sehr viel. Es ist nicht nur mein Beruf, sondern auch mein Hobby. Und was man lernt, nimmt man automatisch auf in sein Spiel.

Das heißt, jeder Ihrer Schlägel entwickelt sich permanent weiter?

Neue Schlägel klingen härter, werden dann weicher, weil der Filz aufgeht, und mit zunehmendem Verschleiß wieder härter.

Bei einem perfekten Konzert: Wie groß ist der Anteil des Musikers, des Instruments und des Schlägels?

Man kann die bestlaufenden Schlägel haben und die schönsten Pauken, und es kann trotzdem klingen wie Grütze. Entscheidend ist der Mensch, der sie spielt, seine Klangvorstellung und sein Einfühlungsvermögen. Natürlich kann man mit einem schlechten Instrument nicht viel machen – wenn die Felle abgespielt sind, wenn eine Pauke in sich nicht stimmt, weil das Fell sich verzogen hat oder weil die Spielstelle abgenutzt ist. Aber dann kann ein guter Spieler immer noch versuchen, etwas herauszuholen.

Spielen Sie Ihre eigene Marke?

Ja, aber nicht ausschließlich – es ist nicht so wie im Fußball, wir stehen nicht bei einem bestimmten Hersteller unter Vertrag. Ein paar Modelle aus meiner Reihe passen auch gar nicht zu mir. Wie ein Schlägel in der Hand liegt, wie er beim Wirbeln läuft, das ist wirklich extrem individuell. Ich kombiniere immer, ich will ja den schönstmöglichen Klang erzeugen, und wenn meine Schlägel dafür nicht die richtigen sind, nehme ich andere. Ich habe ja genug Auswahl.

Das Suchen und Finden geht also weiter?

Neulich war ich in Italien, habe einen befreundeten Schlägelbauer getroffen… es ist immer das gleiche: Wenn ich irgendwo neue Schlägel sehe, will ich sie ausprobieren, ich schätze, das hört nie auf, es gehört ja auch zum Beruf. Und dann merke ich: Toll, die haben genau die Tiefe, die ich brauche, oder einen schönen Rumms, oder einen Knacks im Anschlag, genau das, was ich suche. Und dann kaufe ich wieder welche.

Schlagwerk (c) BR/Meisel
Schlagwerk (c) BR/Meisel