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„Ein bisschen verrückt bin ich schon“

Ein Solo-Trompeter kommt nie mit nur einer Trompete aus. Martin Angerer schon gar nicht – für ihn dreht sich alles um die ideale Klangfarbe. Und um den richtigen Mix aus Perfektion und Charme. Das Interview führte Florian Zinnecker.

Herr Angerer, wie viele Instrumente braucht man als Solo-Trompeter normalerweise?

Schwer zu sagen. Kann sein, dass man mit zwei, drei Trompeten auskommt.

Aber Sie nicht?

Ich schätze, ich habe zurzeit ungefähr 30 – ja, das könnte hinkommen. Verschiedene Bauarten, verschiedene Stimmungen, manche mit Dreh-Ventilen, andere mit Pump-Ventilen, einige neu, ein paar noch aus dem 19. Jahrhundert.

Wer entscheidet, welches Stück Sie mit welchem Instrument spielen? Der Dirigent?

Das ist meine persönliche Vorliebe, ich mache es abhängig von der Akustik im Saal und der Stilistik des zu interpretierenden Werkes. Zur ersten Probe komme ich meistens mit fünf Instrumenten, den Herkulessaal und den Gasteig kenne ich ja sehr gut. Trotzdem muss ich ausprobieren, was in den jeweiligen Stücken am besten funktioniert – es ist ja ein Unterschied, ob ich eine Stelle im Übezimmer probe oder im Konzertsaal, wenn das ganze Orchester dazu kommt. Auch auf Reisen nehme ich mehrere Instrumente mit und muss mich dann während der Anspielprobe entscheiden. In manchen Stücken sind Trompetenwechsel auch explizit vorgeschrieben. Allzu oft geht das aber nicht, jedes Instrument braucht eine kurze Eingewöhnungszeit, der Luftfluss ist immer anders. Es ist wie beim Skifahren, wenn man zwischen Slalom -Skiern und Abfahrts-Skiern wechselt – da muss man sich auch ein bisschen anpassen.

Wenn jede Trompete ein bisschen anders klingt: Worin bestehen die wesentlichen Unterschiede?

In der Perinet-Trompete mit Pumpventilen erreicht die Luft eine höhere Geschwindigkeit als in der Deutschen Trompete mit Drehventilen, weil das Mundrohr enger und fast dreimal so lang ist. Dadurch ergibt sich eine andere Obertonreihe, und der Klang wird brillanter und sticht mehr aus der Bläsergruppe heraus. In der Deutschen Trompete ist die Luftsäule langsamer und breiter, sie hat dunklere Farben und fügt sich samtiger in den Orchesterklang ein. Viele Musiker lieben die Deutsche Trompete dafür, dass sie ein bisschen nach Bruckner klingt und nach Mahler, also ein bisschen süffisanter. Das ist aber immer auch eine Frage des Materials.

Über welche Materialien sprechen wir da?

Messing in verschiedenen Legierungen bis hin zu Goldmessing. Das hat einen höheren Kupferanteil und klingt charmanter und wolliger, aber nicht so durchdringend. Messing klingt klarer und für das Publikum brillanter, dafür bleibt sehr wenig Klang auf der Bühne. Es geht aber auch um Materialstärken: Wie ist der Trichter gerollt, kantig oder rund, mit Draht aus Stahl oder Messing – das beeinflusst die Brillanz der Artikulation. Auch das ist eine Variable, mit der man arbeiten kann.

Das heißt, Sie tauschen manchmal auch einzelne Teile aus?

Alle Teile meiner Trompete sind schraubbar, ich kann also das Schallstück extra aussuchen, den Ventilstock, den Stimmbogen und die Mundrohre, um die richtigen Klangfarben herauszuholen. Wir müssen variabel sein. Aber ich bin schon auch ein bisschen verrückt.

Wo in der Trompete steckt die Seele?

Die steckt nicht in der Trompete.Ich würde eher sagen, die Trompete muss ein Teil meiner Seele sein. Ob das so ist, merke ich schon, bevor ich hineinspiele – es ist schwer, das in Worte zu fassen. Man kann nicht sagen, letztlich ist es das Mundstück oder das Schallstück, das den Klang lebendig macht. Es braucht die richtige Kombination aus Spieler, Mundstück, Instrument und Seele. Und danach ist man immer auf der Suche: nach dem Mittelweg zwischen Perfektion und dem Charme des Instruments.

Was ist das: der Charme des Instruments?

Es gibt Instrumente, die perfekt abliefern, die Zuhörer aber nicht berühren. Und es gibt Instrumente, die furchtbar intonieren, bei denen ich sehr viel korrigieren muss – aber dann spielt man einen Ton und denkt nur: Ja! Nichts anderes! Darauf kommt es mir an.

Martin Angerer (c) BR/Meisel

Sind Sie schon seit Beginn Ihrer Karriere auf der Suche nach diesem Charme – oder gab es einen besonderen Anstoß dazu?

Ich habe viele Jahre lang Instrumente einer bestimmten Marke gespielt. Die haben sehr gut funktioniert – laut, leise, hohe Lage, tiefe Lage, wunderbar. Dann hatte ich mal ein Instrument aus dem 19. Jahrhundert in der Hand. Es sprach mir aus der Seele, ich konnte damit sofort zeichnen und malen – und ich weiß noch, wie ich dachte: Was habe ich nur die letzten paar Jahre gemacht? Ich habe mich selbst um einem Teil meiner Möglichkeiten beraubt, Bilder und Stimmungen zu erschaffen, ohne dies zu bemerken. Da habe ich angefangen, zu sammeln und zu suchen.

Das heißt also: Wie gut eine Trompete ist, hat nichts damit zu tun, wie alt sie ist?

Heute werden Instrumente gefertigt, die sehr ausgereift und farbenreich sind. Aus einer Serie von zehn Trompeten könnte man blind jede einzelne nehmen, und sie wird funktionieren. Mit welcher Genauigkeit Instrumentenbauer heute produzieren – das ist schon fantastisch. Früher sind Trompeten in Handarbeit entstanden, jedes Instrument fühlte sich individuell an – es sind schlechte Instrumente entstanden, aber auch sehr gute. Man brauchte Glück. Und die Frage ist doch: Hat Perfektion Charme?

Was schätzen Sie: Wie vielen Kollegen und Zuhörern im Saal fallen die klanglichen Nuancen, über die wir gesprochen haben, im Einzelfall auf?

Es geht nicht darum, ob man den Unterschied benennen kann. Es ist vergleichbar damit, sich eine richtig gute Musikanlage zu kaufen – für 90 Prozent der Qualität ist der Preis noch bezahlbar. Doch jeder Prozentpunkt, den man verbessern möchte, wird richtig teuer und verdoppelt den Preis. Warum ich das tue? Es gibt diesen inneren Antrieb, immer weiter zu gehen, immer näher an das Optimum – und jeder Schritt, den ich näher zur Perfektion schaffe, macht mich auch selbst glücklich. Es ist nicht entscheidend, alle Details und Nuancen einzeln zu hören. Aber man spürt sie, man spürt die Energie. Und das ist mir absolut jede Mühe wert.