Slider Musiker & Instrumente - Dirigentenstab (c) Bureau Borsche

„Der erste Impuls kommt aus dem Herzen“

In Mariss Jansons’ Dirigentenzimmer liegt immer eine Schachtel mit sechs Taktstöcken – das Werkzeug, mit dem er den Klang des Orchesters formt. Dabei ist ihm der Stab selbst nicht ganz so wichtig. Das Geheimnis liegt woanders. Die Fragen stellte Florian Zinnecker.

Maestro Jansons, erinnern Sie sich, wie Sie zum ersten Mal einen Taktstock in der Hand hatten?

Ja sicher, als kleiner Junge. Mein Vater war Dirigent, ich habe viele seiner Proben und Konzerte besucht – und eines Tages habe ich ein Stück Holz genommen, es könnte auch ein Bleistift gewesen sein, und habe Dirigent gespielt. Ich bin dem gefolgt, was ich bei meinem Vater beobachtet hatte. Ich war vielleicht drei Jahre alt.

Könnten Sie mit dem Stück Holz von damals heute eine Symphonie von Mahler oder Bruckner dirigieren?

Ja, natürlich, das ginge. Es wäre nicht schön und auch nicht gut, aber es ginge. Es geht ja auch ganz ohne Taktstock, dann muss man nur mit den Händen ein bisschen klarer sein.

Dirigieren Sie lieber mit oder ohne?

Ich dirigiere mit Taktstock – eigentlich immer. Vielleicht gibt es ein paar Stellen, bei denen es angenehmer und intimer ist, den Stab wegzulegen und nur mit den Händen zu dirigieren. Immer dann, wenn ich fühle, dass ich mit den Händen allein besser ausdrücken kann, was in der Musik steht. Aber das ist nur episodisch. Der Taktstock ist die Verlängerung der Hand, der Finger – dadurch sehen die Musiker besser, was ich tue. Es ist angenehmer für das Ensemble.

Haben Sie ein Lieblingsmodell?

Ich benutze Stäbe aus Japan, die letzten habe ich gekauft, als wir dort auf Tournee waren. Das sind sehr gute Taktstöcke, sie sind sehr stabil – aus Holz, mit einem länglichen runden Korken am Ende, nicht zu leicht und nicht zu schwer. Ich habe natürlich mehrere, denn manchmal geht doch einer kaputt.

Mariss Jansons, London 2017 (c) BR/Meisel

Was macht – von Stabilität und Gewicht abgesehen – für Sie einen guten Taktstock aus?

Wichtig ist mir, dass er bequem ist. Dieses Empfinden ist aber sehr individuell. Manche mögen Stöcke, die schwerer sind, andere mögen leichtere, die einen mögen längere, die anderen kürzere, mit rundem Griffstück am Ende oder mit länglichem. Taktstöcke erzeugen ja keinen Klang, sie sind nicht einmal ein Instrument. Sie haben auf die Interpretation, auf die Musik keinen Einfluss, der Taktstock selbst ist im Orchester nicht entscheidend. Solange er dem Dirigent ermöglicht, zu dirigieren.

Wie lange hat es gedauert, bis Sie sich daran gewöhnt haben, mit dem Taktstock umzugehen?

Das ging sehr schnell – ein, zwei Tage vielleicht.

Neben der praktischen Funktion hat der Taktstock ja auch einen symbolischen Wert. Er macht klar, wer der Chef ist.

Ich würde eher sagen: Er gehört nicht ohne Grund zur Profession des Dirigenten. Er hat eine wichtige Funktion. Es geht auch ohne, wie gesagt, aber das ist nicht immer bequem für die Musiker. Ich habe auch mal zwei oder drei Jahre lang auf den Taktstock verzichtet, weil ich ein Problem mit einem Finger hatte und operiert wurde. Das war aber nur eine Episode, ich war froh, als ich ihn wieder benutzen konnte. Und ich verlange auch von meinen Studenten, dass sie mit Taktstock dirigieren.

Was ist entscheidender für ein gutes Konzert: was das Orchester macht, Ihr Dirigat oder Ihre Klangvorstellung?

Am wichtigsten ist das Orchester. Ich bin der Vermittler, ich gebe die Interpretation vor, das Orchester macht die Musik. Ich muss die richtige Atmosphäre kreieren und natürlich das Ensemble leiten. Aber der Klang, der vom Orchester kommt, der ist das wichtigste. Entscheidend ist die Musik und die Aufführung, die Sie leiten. Wie Sie das machen, ist Ihre Sache. Der Taktstock spielt dabei eine nicht so große Rolle. Das heißt: wenn es technisch schwieriger wird, wenn es bei Rhythmuswechseln um Präzision und Genauigkeit geht, dann schon. Aber sobald es nicht in erster Linie darum geht, das Ensemble zusammen zu halten, gibt es wichtigeres.

Wie hält man ihn richtig?

Wichtig ist, im Handgelenk beweglich zu bleiben. Die Hand darf nicht starr und steif sein. Jeder hat da seine eigene Methode, aber trotzdem ist die Frage nicht zu unterschätzen – ich habe es oft bei Studenten erlebt, dass der Ausdruck klarer wurde, wenn sie den Taktstock anders halten.

Muss sich ein Orchester auch an die Art gewöhnen, wie ein Dirigent mit dem Taktstock umgeht?

Da müssen Sie die Musiker fragen. Ich versuche es ihnen so leicht wie möglich zu machen und so klar wie möglich zu sein. Die Musiker müssen sich sicher fühlen. Ich benutze den Taktstock völlig intuitiv.

Wie schaffen Sie das?

Das ist einfach und gleichzeitig sehr schwer. Der Taktstock muss gut zu sehen sein, ich muss meine Hände ausdrucksstark bewegen. Einfach nur den Takt zu schlagen, fände ich ein bisschen primitiv, das geht eigentlich von selbst. Die Aufgabe liegt darin, genau den Charakter und die Atmosphäre zu schaffen, die mir vorschweben. Was ich mache, hat sehr viel mit Intuition zu tun – letztlich muss ich zum Ausdruck bringen, was in mir passiert.

Mariss Jansons, 2017 (c) BR/Meisel

Legen Sie sich Ihre Bewegungen vorher zurecht? Oder kommen die Gesten aus dem Moment?

Ich habe jedes Stück natürlich vorbereitet und habe bestimmte Vorstellungen – aber was ich mit den Händen mache, weiß ich nicht vorher. Natürlich könnte ich meine Bewegungen vor dem Spiegel einstudieren und überlegen: Was mache ich bei diesem Tempowechsel, wie nehme ich das Finale? Es gibt auch Kollegen, die das tun. Aber ich glaube, wenn man eine gute Technik hat, auf die man sich verlassen kann, dann ist das nicht notwendig. Dann machen der Taktstock und die Hände das, was aus dem Herzen kommt. Oder nein, besser: was aus dem Herzen in den Kopf kommt. Vielleicht ist das eine gute Antwort auf Ihre Frage, was ich mache, wenn ich dirigiere: Der erste Impuls kommt aus dem Herzen, aus der Seele, geht dann durch den Kopf, und der sagt dem Körper und den Händen, was zu tun ist.

Welche Rolle spielt beim Dirigieren Ihr Gesicht, Ihre Mimik?

Eine sehr große, es ist fast noch wichtiger als der Taktstock, weil ich damit die Atmosphäre und die Stimmung ausdrücken kann. Aber auch das muss intuitiv und natürlich passieren, es geht nicht darum, Grimassen zu schneiden – nur weil ein Werk dunkel und bedrohlich klingt, muss ich kein böses Gesicht machen. Nicht mit Absicht. Wenn ich mich so fühle, kommt es von selbst. Und das ist der Unterschied, auf den es ankommt. Es hilft ja niemandem, wenn ich die Musik pantomimisch begleite.

Jansons und Barakhovsky, 2015 (c) BR/Meisel

Ist es Ihnen schon einmal passiert, dass Ihnen der Taktstock im Konzert weggeflogen ist?

Oh ja, oft! Das ist immer schrecklich – und auch nicht ungefährlich, ich habe Angst, dass ein Musiker eines Tages den Stab ins Auge kriegt. Manchmal zerbricht der Stab auch, weil ich damit aus Versehen gegen das Pult schlage. Und dann ist er kaputt.

Sind bestimmte Werke dafür besonders riskant?

Nein, nein, das kann immer passieren, niemand kann vorher sagen, wann.

Haben Sie für solche Fälle einen Ersatz-Taktstock am Pult deponiert?

Am Pult selbst nicht, nein, ich muss dann erstmal ohne auskommen. In meinem Dirigentenzimmer liegt Ersatz, ich habe immer eine Schachtel mit sechs Taktstöcken dabei, das ist mein Vorrat, der reicht auf Jahre hinaus. So oft passiert es dann ja doch nicht, dass ein Stock zerbricht. Ich bin auch schon zwei oder drei Saisons mit ein und demselben Taktstock ausgekommen. Es kann aber auch sein, dass in einem Monat gleich mehrere Stöcke kaputtgehen. Das ist Zufall, und ehrlich gesagt: Es ist auch keine Tragödie.

Taktstock von Mariss Jansons (c) BR/Meisel
Jansons 2016 (c) BR/Meisel
Jansons 2017 (c) BR/Meisel