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„Guter Bogen, guter Ton“

Natürlich brauchen Streicher hervorragende Instrumente. Zum Klingen bringt sie aber erst der Bogen. Entscheidend sind der Schwerpunkt und die Behaarung – und noch wichtiger die Wahl des richtigen Bogenbauers. Text: Florian Zinnecker.

Marije Grevink (c) BR/Meisel

Marije Grevink, Erste Violine

Ich bin eine sehr unkomplizierte Spielerin, im Lauf der Zeit habe ich gemerkt, dass mir leichtere Bögen lieber sind. Zurzeit habe ich zwei in Verwendung – und einen weiteren als Notnagel. Die Bögen sind sehr unterschiedlich, weil die Stangen verschieden flexibel sind – welchen ich verwende, hängt vom Repertoire ab: einer ist etwas steifer, der eignet sich gut für Werke, die eine prägnante, deutliche Artikulation verlangen. Der andere ist viel weicher, den verwende ich, wenn der Klang satter werden soll. Wenn in einem Programm beides gefordert ist, entscheide ich mich nur für einen Bogen. Ich würde nie in der Pause wechseln oder, noch schlimmer, auf dem Podium.

Jede Anpassung hat natürlich ihre Grenzen, klar, irgendwann stößt man an die Grenzen des Instruments und des Bogens. Aber ich finde es fast magisch, wie stark die richtige Biegung der Stange das Spiel und den Klang beeinflusst, da lässt sich auch sehr viel nachbessern. Deshalb hat jeder Streicher den Bogenbauer seines Vertrauens – ich finde das sehr schön. Wenn man mal jemanden gefunden hat, bleibt man oft sein ganzes Leben lang bei ihm. Das hat mit Qualität zu tun, aber auch mit Vertrauen. Dann ist man in der Lage, über Details zu diskutieren und auch mal zu sagen: Das passt mir nicht, bitte nochmal. Man kann aber nicht sagen, dass beim Bogen allein die Stange die Qualität ausmacht. Es ist die Summe aller Teile. Auch die Behaarung ist wichtig, wenn die Haare nicht greifen, geht gar nichts. Das ist ähnlich wie bei den Kollegen an der Klarinette oder Oboe: Das Instrument kann top in Schuss sein – wenn das Mundstück nicht stimmt, klingt es nicht. Es ist auch erstaunlich zu merken, wie viel zehn Haare mehr oder weniger ausmachen. Dreimal im Jahr lasse ich die Bögen neu behaaren; wenn man die Bögen abwechselnd benutzt, reicht das. Dass es wieder Zeit wird, merke ich daran, dass die Haare nicht mehr gut greifen, ich warte nicht so lange, bis sie mir um die Ohren fliegen.

Frankfurt 2016 (c) BR/Meisel

Markus Wörz, Bogenbauer

Es gibt keine guten und schlechten Bögen, nur passende und nicht passende. Ein Bogen, der für den einen Musiker nicht in Frage kommt, kann für den nächsten perfekt sein. Wenn man Glück hat, findet man einen passenden für ein paar hundert Euro, wenn man Pech hat, liegt der Preis wesentlich höher – ein Profi-Bogen kostet zwischen 5.000 und 90.000 Euro.

Alles in allem steckt in einem Bogen etwa ein Monat Arbeit. Es beginnt mit Goldschmiedetechnik, ich baue die Metallteile, die im Frosch stecken, und setze sie dann auf einen Kern aus Ebenholz, alles in Handarbeit. Nur die Schraube baue ich nicht selbst – nicht zu verwechseln mit dem Beinchen, an dem man dreht. Das wurde früher aus Knochen gefertigt, daher der Name. Die Schraube selbst sieht man nicht.

Die Bogenstange mache ich auch selbst. Das Holz hat eine weite Reise hinter sich, es handelt sich um Fernambuk, das nur in Nordostbrasilien wächst und streng naturgeschützt ist, Bogenbauer in Europa und Nordamerika haben dafür eine Sondererlaubnis. Deshalb darf das Holz nur als Meterware importiert werden, damit nicht doch jemand Schränke daraus baut. Das Holz kommt in Blöcken, die aussehen wie schwarzgeregnete Eisenbahnschwellen, einen Meter lang und 25 Zentimeter dick. Die Schwellen werden aufgesägt, erst in Bretter, dann in Stangen, mit riesigen Kreissägen. Im Lauf der Bearbeitung werden die Maschinen dann immer kleiner.

Beim Sägen stellt sich heraus, wie dicht das Holz ist – je größer das Instrument, desto dichter muss das Bogenholz sein, Geigenbögen sind am leichtesten.

Und dann entscheidet sich: Wie viel Aufwand verdient das Holz? Wie viel ist angemessen, um daraus einen Bogen zu machen? Die Rechnung ist ganz einfach: Je mehr Handarbeit ich in die Stange investiere, desto werthaltiger ist der Bogen am Ende, und das lohnt sich nur mit erstklassigem Holz. Ich arbeite nur mit Top-Holz – und dem muss ich natürlich auch die entsprechende Achtung entgegenbringen. Schülerbögen können fast komplett mit der Maschine gemacht werden.

Was die Behaarung betrifft, gibt es sehr wohl einen Unterschied zwischen „gut“ und „schlecht“, und ich kenne leider nur ein einziges Kriterium: Wenn mir von hundert Kunden höchstens einer den Bogen unzufrieden zurückbringt, sind es gute Haare – einen anderen verlässlichen Maßstab habe ich in meinem bisherigen Leben noch nicht gefunden; die Herkunft, die Farbe, die Widerstandskraft: das hilft alles nicht weiter. Ich muss mich voll auf meine Lieferanten verlassen, und wenn ich merke, dass eine Lieferung nichts taugt, werfe ich sie auch mal weg.

Für einen Geigenbogen brauche ich fünf Gramm, für Bratschen sechs, für Celli acht. Die Kunst besteht darin, abzuschätzen, wie eine Stange auf die Bespannung reagiert – und wie viele Haare sie verträgt. Je flexibler sie ist, desto weniger brauche ich, je steifer, desto mehr.

Eines gilt aber in jedem Fall: Am wichtigsten ist das, was der Musiker sagt. Ich muss zwar nicht Gedanken lesen können, aber an manchen Tagen würde mir eine psychologische Grundausbildung tatsächlich sehr helfen (lacht). Der Musiker kommt unglücklich in die Werkstatt, mit einem Problem, das er nicht genau fassen und formulieren kann. Ich kann ziemlich genau erkennen, warum er mit seinem Bogen gerade nicht glücklich ist. Und dann ist es eine Frage der Zusammenarbeit und des Vertrauens. Man muss ja wissen: Die Musiker bringen mir ihr Allerheiligstes, ihr Werkzeug, das ihnen sprichwörtlich in die Hand gewachsen ist – das klingt sehr pathetisch, aber es ist so. Sie haben für den Bogen ein Vermögen bezahlt, würden ihn um nichts in der Welt eintauschen. Und wenn sie dann mitansehen, wie ich die Stange nachbiege – das ist übrigens ein Faktor, der das Spielverhalten maßgeblich beeinflusst – kann ihnen das schon eine Gänsehaut bescheren, weil das, was ich mache, sehr gewalttätig aussehen kann. Aber wenn sie mit dem überarbeiteten Bogen spielen und merken, dass das Problem, das sie umtreibt, tatsächlich gelöst ist – dann ist alles wieder gut. Der Bogen ist ja das eine, aber das, was der Mensch, der mit ihm spielt, denkt und fühlt wird für mich immer maßgebend sein.

Heinrich Braun (c) BR/Meisel

Heinrich Braun, Kontrabass

Ich habe einen Lieblingsbogen, der persönlich auf mich zugeschnitten ist. Mein Kontrabass ist ein alter Italiener, der sehr dunkel klingt, also brauche ich einen Bogen, der ihn etwas heller klingen lässt. Ich weiß noch, wie mich mein Bogenmacher anrief und sagte: Er hätte da einen wirklich sehr guten Rohling – das ist ein länglicher Quader aus Bogenholz, etwa einen Meter lang. Daraus müsste ein sehr guter Bogen werden. Ich hatte mich damals gerade um die Professur an der Münchner Hochschule für Musik beworben, also habe ich gesagt: Wenn ich die bekomme, gebe ich den Bogen in Auftrag. Und wirklich: Die Stange ist phänomenal gut. Mein Bogenbauer hat daraus einen Goldbogen gefertigt, das heißt, der Frosch hat einen Goldring, und auch im Beinchen ist ein Stück Gold verarbeitet, um das Gewicht auszutarieren – normalerweise verwendet man Metall oder Silber, und bei besonders gutem Holz eben Gold. Seitdem spiele ich ihn ununterbrochen. Mit der Zeit verwächst man richtiggehend damit, so sehr gewöhnt man sich daran. Ich habe auch noch einen Zwillingsbogen aus derselben Werkstatt, der ist auch gut. Aber der andere liegt noch besser in der Hand. Das ist natürlich Gefühlssache, es hat mit der Gewichtsverteilung zu tun – wie kopflastig er ist, inwieweit er Spiccato ermöglicht, also: gesprungene Töne. Der Frosch besteht aus Ebenholz, er ist mir sozusagen direkt in die Hand geschnitzt. Das ist Millimeterarbeit, man darf nicht zu viel wegnehmen, sonst verändert sich der Schwerpunkt des Bogens – und der Schwerpunkt ist das Entscheidende.

Beim Kontrabass sind die Saiten dicker als bei der Geige, darum brauchen wir natürlich auch eine robustere Behaarung. Die Haare sind eine Wissenschaft für sich, es gibt helle, graue und schwarze, der Unterschied ist eigentlich nicht hörbar. Die dunklen Haare klingen nur am Anfang etwas rauer, es dauert eine Woche, bis das Raspeln verschwindet, dann ist der Bogen eingespielt. Manchmal hält eine Behaarung ein halbes Jahr, manchmal reißen die ersten Haare schon nach ein paar Wochen. Bei unserem symphonischen Repertoire geht es ja oft ziemlich zur Sache, es kann passieren, dass an einem Abend fünf bis zehn Haare reißen.

Und auch die Witterung spielt eine Rolle: Je höher die Luftfeuchtigkeit, desto schwerer greift der Bogen, je trockener, desto bröseliger klingt er. Wenn wir im Sommer spielen, habe ich oft das Gefühl, der Bogen greift nicht richtig auf der Saite. Das muss man dann versuchen auszugleichen. Inzwischen gibt es auch Bögen aus Carbon, die verwenden wir vor allem für Neue Musik, wenn wir col legno per batutto spielen müssen, also mit der Bogenstange auf die Saiten schlagen. Die klingen inzwischen auch schon ganz gut, aber mir fehlt da eine persönliche Note.

Bögen (c) BR/Meisel
Kontrabass (c) BR/Meisel
Wien 2017 (C) BR/Meisel
Bögen (c) BR/Meisel
Marije Grevink (c) BR/Meisel
Bögen (c) BR/Meisel
Bögen (c) BR/Meisel