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„Wer hat das denn gemacht?“

Wenn der BRSO-Pianist Lukas Maria Kuen um 9 Uhr zur Probe kommt, ist die Arbeit von Christian Rabus getan: Er ist der Klavierbaumeister des Bayerischen Rundfunks. Die Zusammenarbeit fußt auf Vertrauen – und läuft fast ohne Worte ab. Das Interview führte Florian Zinnecker.

Lukas Maria Kuen (c) BR/Meisel

Herr Kuen, was macht einen Konzertflügel zu einem guten Konzertflügel?

Das ist natürlich sehr subjektiv – ich finde, ein Flügel muss schön und über alle Oktaven ausgewogen klingen. Und ich kenne niemanden, der diese Gleichmäßigkeit auch nur annähernd so gut herstellen kann wie Christian Rabus. Dass die Töne stimmen und die Mechanik gut läuft – das gehört zum Handwerk, das ein guter Klavierstimmer ohnehin beherrscht. Aber diese klangliche Ausgewogenheit kenne ich nur von ihm, er schafft es, meine künstlerischen und klanglichen Wünsche in den mechanischen Prozess zu übersetzen.

Das heißt, der entscheidende Unterschied liegt nicht im Instrument, sondern beim Stimmer?

Ja, das kann man so sagen.

Gut, dann fragen wir anders: Was macht einen Klavierstimmer zu einem guten Klavierstimmer?

Er muss zunächst einmal sehr schnell sein. Und sehr schnell wissen, was er ändern muss, um die Wünsche des jeweiligen Pianisten zu erfüllen.

Sind Sie ein schwieriger Pianist?

Ich würde sagen, ich bin keine Diva. Es gibt immer verschiedene Flügel, die unterschiedlich klingen, und der Stimmer ist auch kein Zauberer, der in Minutenschnelle alles ändern kann, auch wenn es manchmal genau darauf ankommt, das zu schaffen. Das ist wirklich sehr stressig, und das weiß ich auch. Es gibt ja große Pianisten, die ihre eigenen Flügel und ihren eigenen Stimmer mitbringen, so schlimm ist es bei mir nicht (lacht).

Welche Aufgaben hat ein Pianist im Symphonieorchester überhaupt? 

Ich spiele im Orchester alle Klavier- und Celesta-Parts, aber von vielen Aufgaben hört das Konzertpublikum nur indirekt etwas: Ich begleite die Probespiele und die Solistenproben. Insgesamt ist das durchaus vergleichbar mit einem Tutti-Dienst.

Wie eng arbeiten Sie zusammen?

Wir haben eigentlich wenig Kontakt. Wenn ich montagmorgens zur Probe komme, steht der Flügel natürlich schon da und ist auch schon gestimmt, vor Konzerten ist es ähnlich. Aber das fußt auf einer tiefen Vertrauensbasis: Ich weiß, dass der Flügel gut vorbereitet ist. Und er kennt mich und weiß, was er tun muss.

Wie lange dauerte es, das Vertrauen zu schaffen?

Ich gehöre dem Orchester seit 2010 an, wir kannten uns schon vorher. Ich habe ihn beim ARD-Wettbewerb kennen gelernt, das weiß ich noch genau: Ich habe mich an den Flügel gesetzt und gedacht: Das ist unglaublich gut, wer hat das denn gemacht? So sind wir in Kontakt gekommen.

Wie viel Arbeit steckt in den Flügeln, damit Sie damit arbeiten können?

Die Flügel werden im Herkulessaal und im Gasteig angeliefert und müssen gestimmt werden. Das ist schon eingespielt
zwischen uns. Ich spiele meistens auf einem großen D-Flügel, in kleineren Sälen aber auch auf kleineren Instrumenten – und es gibt auch ein Instrument für Neue Musik, in dem ich mit Hämmern und anderen Geräten herumfuhrwerken kann. Am Tag vor Aufnahmen sprechen wir auch oft kurz miteinander, oder ich rufe ihn an und sage: Mensch, Christian, ich fände es schöner, jetzt bei dem Flügel mal wieder ein bisschen …, und dann weiß ich, dass er das hundertprozentig so umsetzt. Das ist außergewöhnlich, das gibt es nicht so oft.

Macht das Ihren Beruf einfach nur angenehm? Oder ist das tatsächlich eine Voraussetzung?

Ich habe es anderswo auch schon erlebt, dass die Flügel, wenn man sie öfter spielt, in wechselnd gutem Zustand sind und manchmal auch nicht optimal gestimmt. Das sind Nuancen, die den Zuhörern vielleicht gar nicht auffallen. Aber wir Pianisten sind nun mal darauf angewiesen, dass das Instrument, auf dem wir spielen, gut ist. Auf einem schlechten Flügel kann man nicht zum Maximum ausholen.

Christian Rabus (c) BR/Meisel

„Ich weiß schon,  WAS GUT FÜR iHN IST“

Herr Rabus, wenn Sie für Lukas Maria Kuen im Konzertsaal einen Flügel vorbereiten: Was machen Sie dann

CHRISTIAN RABUS: Die Vorbereitung beginnt nicht im Konzertsaal. Sondern schon dann, wenn der Flügel nach dem vorherigen Konzert aus dem Saal zurückkommt. Dann schauen wir nach: Ist alles drin und alles dran, was ist kaputt,
gibt es Macken vom Transport? Vorige Woche ist bei einem Flügel unterwegs eine Saite gerissen, das reparieren wir; wir überarbeiten, säubern und intonieren nach. Alles muss fertig sein. Für mehr als ein kurzes Nachstimmen ist im
Saal die Zeit zu knapp.

Brauchen Sie absolute Ruhe, um einen Flügel zu stimmen?

Ja, allerdings ist das im Konzertsaal die Ausnahme, auch vor Proben. Die Musiker treffen um 9 Uhr ein, der Flügel wird
meistens erst zwischen 7 und halb acht angeliefert, weil es am Vorabend eine andere Veranstaltung gab. Das ist extrem eng, zumal das Instrument keine Zeit hat, sich zu akklimatisieren. Aber wir können sie auch nicht gestimmt anliefern, weil sie oft zwischengelagert werden müssen. Es ist immer ein Abenteuer.

Wenn Sie sagen, Sie haben wenig Zeit: Handelt es sich um eine Stunde oder um zehn Minuten?

Für eine Flügelstimmung brauche ich eineinhalb Stunden, wenn ich schnell bin, geht es auch in einer. Allerdings braucht es immer noch die Qualität, die nachher sendefähig ist. Wir sprechen da über feinste Arbeit unter Akkordbedingungen, mit Lärm. Da steht man unter ziemlicher nervlicher Anspannung. Hören Sie sich Übertragungen im Radio an und denken sich: Oh, das F, da hätte ich besser noch was gemacht … Nein, das passiert eher nicht.

Weil’s nicht passiert oder weil Sie’s nicht anhören?

Ich hör’s nicht an (lacht). Bei Klavierkonzerten bin ich aber meistens ohnehin im Saal oder sitze in der Regie und höre zu. Es ist ja schon wichtig zu hören, was im Konzert aus meiner Arbeit wird und wie sie sich im Radio anhört.

Wie viel sprechen Herr Kuen und Sie über die Flügel miteinander?

Wenn er einen bestimmten Wunsch hat oder einen besonderen Flügel braucht, meldet er sich. Ansonsten läuft die
Kommunikation nonverbal. Ich weiß, was er möchte. Wir reden darüber gar nicht viel – ich bin jetzt seit 18 Jahren
als Klavierbaumeister beim BR, seit acht Jahren arbeiten wir zusammen, ich weiß schon, was gut für ihn ist.

Sie arbeiten ja nicht nur mit Lukas Kuen, sondern auch mit Solisten, die beim BRSO gastieren – läuft die Kommunikation da auch nonverbal?

Nein, in diesen Fällen steht oft schon im Vertrag, was gewünscht wird. Oft gibt es auch eine Flügel-Auswahl, dann bereiten wir zwei Flügel vor, der Künstler sucht einen aus, und ich versuche die Wünsche, die es vielleicht noch gibt,
direkt vor Ort oder vor der Probe am nächsten Morgen zu erfüllen.

Für wie viele Instrumente sind Sie insgesamt zuständig?

Insgesamt sind es an die 40 Instrumente, das beinhaltet die Konzertflügel, die Orchesterflügel, dann gibt es Übeinstrumente im Haus, normale Klaviere, Cembali, Celesten, zwei Harmonien stehen auch noch da.

Wie viel lässt sich an einem fertig gebauten Flügel noch verändern?

Theoretisch und praktisch gibt es sehr viele Möglichkeiten – von der Einstellung der Pedale über die Regulierung und Gewichtung der Mechanik bis zur Intonation. Die gängigste Methode: Man bearbeitet den Filz auf den Hämmerchen
mit Nadeln und verändert so die Elastizität. Das beeinflusst die Klangfarbe. Man kann den Flügel damit runder oder weicher klingen lassen – aber auch härter, je nachdem, wo und wie oft man sticht. Man kann auch mit sehr feinem
Schleifpapier und einer Feile die Hammerform verändern, auch das ändert den Ton. Es kommt auf die Gewohnheiten und Klangvorstellungen des Pianisten an, und auf das Stück, das gerade dran ist. Ein Mozart-Klavierkonzert braucht ein Instrument mit anderer Klangfarbe und Dynamik als eines für Rachmaninov. Und viele Gewohnheiten der Pianisten kennt man auch schon im Vorfeld.

Was sind das für Gewohnheiten?

Ich kann natürlich keine Namen nennen. Ein Pianist, der mit dem BRSO lange verbunden ist, möchte eigentlich immer
den lautesten Flügel haben, den es gibt. Leise spielen kann er selber, sagt er, und er ist technisch tatsächlich so versiert, dass er sich sofort auf jedes Instrument einstellen kann. Dann liefert man den größten Kracher an, den es im
Haus gibt, und kann sich darauf verlassen, dass es keine weiteren Probleme gibt. Ein anderer Kollege wünscht sich immer einen Flügel mit extremer, sehr ausgewogener Repetitionsmöglichkeit einzelner Töne. Seine Technik erlaubt es ihm, die Mechanik bis zum Äußersten auszureizen, deshalb muss man die Instrumente sehr speziell vorbereiten.

Reicht dazu noch die Zeit im Saal?

Im Saal reicht die Zeit höchstens noch für ein paar Kleinigkeiten, einzelne Töne, die sehr präsent sein müssen, kann man sicher noch verändern. Im Idealfall gibt es am Konzerttag selbst auch oft die Möglichkeit, nachmittags noch ein, zwei Stunden im Saal zu bekommen. Dann kann man in Ruhe letzte Hand anlegen, dann ist nochmal Ruhe. Vor dem Sturm.

Christian Rabus (c) BR/Meisel