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„Ich kann den Klang auch mit meinen Gedanken formen“ – „Sie ist meine beste Freundin“

 

Wenn man die Flötisten Ivanna Ternay und Henrik Wiese fragt, was es braucht, damit ihr Instrument gut klingt – dann hört es sich nicht so an, als ob sie beide das gleiche spielen. Das Interview führte Florian Zinnecker.

Henrik Wiese

Ich bin jemand der sich sagt: Ich übe lieber, statt zu experimentieren. Meine Flöte stammt aus einer kleinen Werkstatt in Japan, ein eher unbekannter Hersteller, der sich in den Kopf gesetzt hat, das perfekte Instrument zu bauen. Sie ist überhaupt nicht störanfällig, ich könnte mein ganzes Musikerleben lang darauf spielen.

Querflöte spielen bedeutet physikalisch: Ich blase Luft an die innere Kante des Mundstücks. Die Luft wird zum Teil in die Flöte gelenkt und zum Teil darüber hinweg, dadurch gerät sie in Schwingungen, so entsteht der Ton. Es gibt keine feste Materie, die schwingt, es ist nur die Luft. Als Resonanzraum dient mein ganzer Körper, vor allem die Lunge, der Bauch und der Mund- und Rachenraum. Die Flöte selbst reicht nicht, dann klänge der Ton sehr flach. Ich versuche die Töne wirklich in jeder Faser des Körpers zu spüren und den Klang wie eine Wolke in meinem Körper zu formen. Das muss man über viele Jahre entwickeln und erspüren, immer im Kontakt mit dem Instrument. Wenn ein Ton ausentwickelt ist, geht er buchstäblich durch Mark und Bein – und das genieße ich auch.

Ich kann den Klang auch mit meinen Gedanken formen, indem ich mir beim Spielen Vokale vorstelle. Wenn ich an ein A denke, sitzt der Ton hinten im Rachen, bei einem I in der Nase und in den Stirnhöhlen. Das läuft tatsächlich über die Vorstellungskraft – es reicht schon, an die Vokale zu denken, damit sich der Mundraum verändert. Das beeinflusst die Obertöne, und die geben dem Ton seinen Charakter.

Was ich gegessen habe und wie fit ich bin, ist egal. Völlegefühl würde mich natürlich stören, aber den Klang beeinflusst das nicht. Mein Geheimtrick, damit das Instrument besonders gut klingt? Üben.

Ich spiele jetzt 19 Jahre auf derselben Flöte, und ich profitiere davon enorm. Mein Instrument gibt mir sehr viel Spielraum, mehr, als ich bisher ausgereizt habe – und wenn mir etwas nicht gelingt, liegt es an mir, nicht am Instrument. Ich nehme eigentlich immer die Schuld oder Verantwortung auf mich.

Manchmal habe ich das Gefühl, ich habe die Flöte jetzt so durchgewalkt, dass sie ein bisschen ausgelutscht ist, dass ich’s ausgereizt habe. Aber das stimmt nicht. Klar, ein neues Instrument ist immer inspirierend, aber der Effekt erschöpft sich nach einem Jahr – und ich finde, erst dann wird es spannend. Ich habe das Instrument früher anders ausgereizt als heute, habe eigene Techniken entwickelt, um neue Klangfarben zu erzeugen und neue Obertöne zu finden – das hätte ich nicht so intensiv betrieben, wenn ich immer neue Instrumente gehabt hätte.

Ich habe eine Silberflöte, ein sehr wandlungsfähiges Material, das strahlend und leicht klingt und eine breite Palette an Klangfarben zulässt. Diese Flexibilität gefällt mir. Goldflöten haben viel Power in der tiefen Lage, sie sind sehr weich und gleichzeitig sehr eigenwillig, ich habe dann das Gefühl, das Instrument gehorcht mir nicht. Und Platinflöten klingen sehr massiv, sehr durchsetzungsstark, man muss weniger arbeiten: Aber ich arbeite gern.

Mit dem Instrumentenbauer habe ich kaum Kontakt – und ich lasse die Flöte so selten wie möglich generalüberholen. Das hören die Flötenbauer nicht gern, aber ich finde, die Instrumente werden danach nicht besser, und mir ist meine Flöte dann immer erstmal fremd. Klar, die Klappen decken dann präziser. Aber ich spiele lieber auf einer Flöte, die mir nicht fremd ist, auch wenn sie nur zu 95 Prozent perfekt deckt.

Ivanna Ternay, Henrik Wiese (c) BR/Meisel

Ivanna Ternay

Meine Flöte ist wie ein Mensch: Ich kenne ihre Schwächen und Stärken und lebe damit, seit zwölf Jahren. Ich versuche alles herauszuholen, was sie hergibt. Ich würde den Klang gern noch mehr variieren können, aber alles hat seine Grenzen.

Es war Liebe auf den ersten Blick. Ich war mitten im Studium, hatte kein Geld, als ich das Instrument probiert habe, aber der Händler versprach mir auf mein Stipendium zu warten und legte das Instrument so lange beiseite.

Das Rohr und das Kopfstück bestehen aus 18-karätigem Gold mit Silbermechanik. Aber das Material war mir egal, die Marke auch. Ich weiß nicht, ob man eine Gold- und eine Silberflöte klanglich unterscheiden könnte. Die meisten Instrumente sind mir in der hohen Lage zu spitz, klingen nach Gewalt und Aggression. Ich suchte etwas Wärmeres, Samtigeres, Breiteres, einen Klang wie eine Welle im Meer, nicht wie der Spritzer aus einem Schlauch.

Als ich die Flöte bei mir zu Hause hatte, konnte ich nicht schlafen, bin nachts mehrmals aufgestanden und habe den Kasten aufgemacht, um mich zu vergewissern, dass sie wirklich da ist. Sie ist meine beste Freundin.

Für viele ist die Flöte nur ein Werkzeug, für mich ist sie wie eine zweite Haut. Wenn ich nicht gut drauf bin, geht es auch mit der Flöte nicht so gut. Ich muss körperlich in bester Verfassung sein, wenn ich spiele. Und auch seelisch. Jede Pore meines Körpers ist an der Klangerzeugung beteiligt. Ich kann in einem dicken Pulli nicht spielen, ich brauche Freiheit um die Schultern.

Jeden Morgen nehme ich mir vor der Probe eine Stunde Zeit für das Instrument, und abends vor dem Schlafengehen noch eine. Denn so, wie mein letzter Ton beim Üben war, wird der erste sein, wenn ich die Flöte wieder zur Hand nehme – also muss ich mit dem schönsten und angenehmsten aufhören, den ich erzeugen kann.

Ich spiele nicht gut, wenn ich vor dem Konzert nicht gut gegessen habe. Eine halbe Stunde schlafen, dann üppig essen, diese Grundlage brauche ich.

Am besten spiele ich, wenn ich vorher ein Butterbrot gegessen habe, das macht den Mund geschmeidig. Und: Ich putze vor dem Spielen nie die Zähne; die Zahnpasta macht eine komische Flora im Mund.

Wenn jemand anders auf der Flöte gespielt hat, dauert es eine Weile, bis wir wieder zusammenfinden. Auch wenn ich die Person mag.

Für die Wartung habe ich jetzt endlich jemanden gefunden, dem ich hundertprozentig vertraue. Ich war bei vielen Instrumentenbauern, auch sehr namhaften, aber ich war nie besonders glücklich. Jetzt schon! Die Flöte ist danach um Welten besser. Ich hole sie ab und weiß, ich brauche sie in der Werkstatt gar nicht zu probieren, es wird perfekt sein.

Ich bin jetzt 34, mal sehen, wie die Flöte mit 60 klingt – Ich habe noch nie eine 30 Jahre alte Flöte gespielt. Kann sein, dass ich in 15 Jahren ein neues Instrument brauche. Aber wenn alles gut geht, verbringen wir unsere Karriere zusammen.