Slider Musiker & Instrumente - Becken (c) Bureau Borsche

„Wir setzen dem Forte die Krone auf“

Der Schlagzeuger Guido Marggrander über die Magie des perfekten Beckenschlags. Text: Florian Zinnecker.

Guido Marggrander (c) BR/Meisel

Ich finde nicht, dass gute Becken vordergründig schön klingen. Sondern blechern und penetrant, so, als ob man sich eine Prise Curry direkt auf die Zunge streut. Aber Curry im richtigen Essen kann das Gericht zum Strahlen bringen. Und das können wir auch.

Unsere Becken kommen aus Gutenstetten, einem richtigen fränkischen Dorf mit Kirche und Wirtshaus, auf halbem Weg zwischen Nürnberg und Würzburg. Dort sitzt die Firma Meinl. Die haben jahrelang Becken für den Rock- und Jazz-Bereich produziert, im Jahr 2010, dem Jahr des Gustav-Mahler-Jubiläums, standen sie dann auf einmal im Herkulessaal: mit symphonischen Becken. Das ist die Königsklasse.

Gegossen werden sie in einer kleinen Werkstatt in der Türkei, „Made in Turkey“ ist bei Becken ein ähnliches Qualitätssiegel wie bei Autos „Made in Germany“. In der Türkei haben Becken eine sehr lange Tradition – als Kriegsinstrumente, die über die Türkenkriege nach Wien kamen und dort dann Einzug in die Musik hielten, eines der ersten Stücke mit Becken ist die
„Entführung aus dem Serail“ von Mozart.

Das Material: B20-Bronze, 80 Prozent Kupfer, 20 Prozent Zinn. Die Schlagzeuger in amerikanischen Marching-Bands spielen mit 88 Prozent Kupfer und 12 Prozent Zinn, das ist eine ganz andere Klangcharakteristik. Je mehr Zinn, desto wärmer der Klang. Mehr als 22 Prozent geht aber nicht, danach finden sie ihren Frequenzbereich nicht mehr, haben klanglich zu wenig Kontur und können sich nicht mehr durchsetzen.

 

 

Das ist anders als etwa bei der Triangel. Da gibt es für mich zwei unterschiedliche Ansätze: Triangeln mit klar definiertem Klang, natürlich nicht auf eine bestimmte Tonhöhe gestimmt, aber doch mit klarer Kontur. Und andere mit breiterer Streuung. In jede Probe gehen wir mit mindestens vier verschiedenen Triangeln, hoch, mittel, tief, Messing, Stahl, Kupfer, verschiedene Hämmerungen, manche gedreht, andere nur gehämmert. Wir haben auch ein paar richtig alte Schätze.

Der größte Fehler wäre, beim Beckeneinsatz auf den richtigen Moment zu warten – wenn man wartet, verpasst man ihn garantiert. Ich versuche immer, mit den Bläsern zu atmen, ich folge ihnen auf dem Weg zum Fortissimo, und schließlich, wenn sie Luft holen für den großen Tutti-Einsatz und dann ausatmen – versuche ich sie zu treffen und mich auf den Klang zu setzen. Zum Beispiel in der Siebten Symphonie von Bruckner, da gibt es nur einen einzigen Beckenschlag. Oder bei den drei Schlägen am Ende der Achten von Mahler, es gibt auf Youtube eine Aufzeichnung mit Mariss Jansons und uns, da kann man die Energie in unseren Gesichtern sehen.

Wir haben beim BRSO einen Beckenschrank mit 60, 70 Becken zur Auswahl, in verschiedenen Größen, mit verschiedenen Frequenzbereichen. Ich suche für jedes Werk die passenden aus. Es geht nicht nur um Schönheit, sondern um die richtige Nuance, oft brauche ich gerade etwas Fieses, Erdiges.

Ein gutes Becken ist eines, bei dem ich den Klang kontrollieren kann. Es gibt auch Becken, die alleine sehr angenehm und schön klingen – aber die haben keine Durchsetzungskraft, man muss sehr laut spielen, sehr drücken, und dann klingt es gar nicht mehr. Das kann man übrigens auch in vielen alten Aufnahmen hören: Früher wurden kleine, leichte Becken genommen und dann zusammengehauen, dass die Schwarte kracht. Inzwischen geht die Tendenz zu größeren, schwereren Becken, bei denen man kaum mehr drücken muss.

Becken (c) BR/Meisel

Wenn ein Becken fertig produziert ist, lässt sich nichts mehr nachjustieren – aber mit den Jahren werden Becken besser, bei der Produktion gerät die Molekularstruktur in Aufruhr, das ruckelt sich mit der Zeit zurecht, und das kann man hören. Der Klang entwickelt sich über Jahre.

Genau wie die Schlagzeuger selbst. Ich werde oft gefragt, wie man Beckenspielen übt. Ich sage dann immer: Man muss Meilen sammeln. Es geht nicht darum, die Dinger in die Hand zu nehmen und einfach zusammenzudengeln. Jeder muss seinen eigenen Klang finden, sein eigenes Handwerk, jeder hat da eine andere Technik. Um die zu entwickeln, muss man sich auch mal nachmittags in ein Zimmer setzen, sich die Ohren schützen und ausprobieren, was so geht. Wie sich der Klang formen lässt, wie viel Kraft man braucht. Ich glaube nicht, dass es ein Talent gibt zum Beckenspielen, wichtiger ist es, eine genaue Klangvorstellung zu haben. Es geht um die Fähigkeit, sich zu fragen: Wie soll das klingen, und wie kann ich genau diesen Klang erreichen?

Denn das ist es ja, was das Instrument so reizvoll macht: Ein Orchester kann noch so groß und noch so laut sein – das Becken schwebt immer drüber, es sucht sich seinen eigenen Frequenzbereich. Wir setzen dem Fortissimo die Krone auf. Und wenn man einen großen Beckenschlag, der gut klingt, wirklich auf den Punkt trifft – dann ist das reines Glücksgefühl.

Becken (c) BR/Meisel
Becken (c) BR/Meisel
Becken (c) BR/Meisel
Becken (c) BR/Meisel