Slider Musiker & Instrumente - Horn (c) Bureau Borsche

„Es gibt Kollegen,
die schütten Milch Rein“

Die Hornisten des BRSO spielen alle das gleiche Hornmodell aus derselben Werkstatt. Das ist kein Zufall, aber auch nicht unbedingt Absicht. Ein Gespräch über die Gründe, alte Gewohnheiten, guten Gruppenklang und das richtige Mundgefühl. Das Interview führte Florian Zinnecker.


Wer von Ihnen hat die Entscheidung gefällt: dieses Horn und kein anderes?

CARSTEN DUFFIN: Niemand, das hat sich über die Jahre so ergeben.

NORBERT DAUSACKER:  Musiker sind Traditionalisten, das Modell 103 der Gebrüder Alexander ist schon lange auf dem Markt und klingt gut – mehr steckt nicht dahinter. Viel wichtiger als die Marke ist die Tatsache, dass wir alle dieselbe spielen. Dadurch haben wir nicht nur denselben Grundklang, sondern machen auch dieselben Fehler – denn die Fehlerquellen sind ja die gleichen. So können wir besser voraussehen, was gleich bei den Kollegen passieren wird, und rechtzeitig reagieren.

DUFFIN: Manche Kollegen sagen, den homogensten Gruppenklang erreicht man, indem man verschiedene Fabrikate mischt, andere – und dazu gehören wir – sagen, mit einem einheitlichen Modell ist es einfacher.

FRANCOIS BASTIAN: Es liegt auch an der Art zu spielen, oder? Jedes Fabrikat verhält sich anders, je nachdem, wie stark man das Volumen ausschöpft. Mit verschiedenen Fabrikaten wäre es schon schwerer, einen einheitlichen Klang zu finden.

DAUSACKER: Es gab auch immer wieder Ausbruchsversuche. Ich habe auch schon ein anderes Instrument ausprobiert, bin aber nach ein, zwei Jahren wieder zu meinem eigenen zurückgekehrt. Weil es so in der Gruppe wirklich besser funktioniert.


Sie sagen, Sie machen alle dieselben Fehler. Was für Fehler?

DAUSACKER: Auf jedem Horn liegen ein paar Töne zu hoch oder zu tief. Wenn das bei allen Kollegen die gleichen sind, kann man viel besser damit arbeiten.

DUFFIN: Es gibt eigentlich einen Haufen Töne auf dem Ding, die sich nicht richtig gut anfühlen. Man arrangiert sich damit. Es ist dann auch egal, welche Marke oder welches Modell man spielt, die Menge an Problemen ist immer die gleiche.

RALF SPRINGMANN: Ein fünfter Oberton wird immer zu hoch sein, ein siebter ist zu tief. Und wenn man den nach oben schiebt, verändert man dadurch auch andere. Man muss versuchen, den goldenen Schnitt zu finden.

DAUSACKER: Das ist aber schon ein spannender Punkt – denn die Frage, welches Horn am besten zur Persönlichkeit eines Spielers passt, zu seinen Stärken und Schwächen, ist ja mindestens genauso wichtig wie der homogene Gruppenklang. Das muss ja nicht bei jedem Spieler das gleiche sein.

DUFFIN: Ist es ganz sicher nicht.

DAUSACKER: Man könnte auch den Punkt vertreten, jeder Spieler sollte auf dem Instrument spielen, mit dem er selbst am besten zurechtkommt, und dann ist auch das Gruppenergebnis das beste.

Backstage Mailand 2016 (c) BR/Meisel

Aber?

DAUSACKER: Aber das stimmt eben nicht. Es bringt das beste Einzelergebnis – aber darum geht es uns nicht. Wir wollen in der Gruppe, zu sechst oder zu acht, das bestmögliche Ergebnis abliefern. Und da muss der einzelne zurücktreten und hat unter Umständen größere Schwierigkeiten auf diesem Instrument, das wir jetzt alle gewählt haben, als er auf einem anderen hätte.

SPRINGMANN: Zu Beginn der Achtzigerjahre hat hier jeder Hornist ein anderes Modell gespielt – jeder so, wie er am besten zurecht kam. Wenn ich Aufnahmen aus dieser Zeit höre, kann ich genau sagen, wer der Kollege am Vierten Horn war oder am Ersten. Dann ist mir bei einem Gastspiel in London ein Unfall passiert, mein Horn war kaputt, ich brauchte schnell ein neues – und das war überhaupt nicht kompatibel mit den anderen in der Gruppe. Ich selber konnte darauf wunderbar spielen, richtig klasse, aber es passte nicht zu den anderen. Also bin ich umgestiegen. Ein Kollege, der neu ins Orchester kam, spielte das Modell 103, Norbert spielt ein Modell 103, unser damaliger Kollege am Zweiten Horn auch – und der sagte dann: „Mensch Ralf, probier das mal.“ Am Anfang kam ich überhaupt nicht zurecht. Es war viel zu eng für mich, furchtbar anstrengend, und ich habe gedacht: Um Gottes Willen, muss ich mir das antun? Aber dann wollte ich es wissen, habe 15 Hörner ausprobiert und eins gefunden, das mir nahe kam. Und dann haben wir eine Brahms-Symphonie gespielt – und wir haben sofort gemerkt, wie gut das funktioniert.

DAUSACKER: Er will eigentlich sagen, auf dem neuen Instrument kann er zwar überhaupt nicht spielen, aber es passt eben gut zu uns. (Gelächter) Und wir können es eigentlich auch nicht. (noch größeres Gelächter)

SPRINGMANN Ich lege großen Wert darauf, dass hier keine Rückschlüsse auf lebende Personen gezogen werden. (Gelächter)

DUFFIN Wobei natürlich selbst bei gleichem Modell die Unterschiede zwischen den einzelnen Instrumenten noch gigantisch sind. Vor zwei, drei Jahren waren wir auf einem Gastspiel, Dritte Brahms, und ich hatte kein Horn dabei, (Ralf Springmann lacht leise), der Kollege hat Gott sei Dank sein Horn in der Kiste gelassen, und ich habe das Konzert auf seinem Instrument gespielt. Das war ein riesiger Unterschied.


Was macht das Modell 103 aus?

URSULA KEPSER: Es ist im Leisespielen sehr weich und warm und im Forte brillant und glänzend.

DUFFIN: Eine gute Mischung aus nicht zu schwer und nicht zu leicht.

BASTIAN: Ein guter Kompromiss. Wenn man mehr gibt, kommt auch mehr raus – bei anderen Modellen gibt es irgendwann eine Grenze, die man nicht überwindet, auch wenn man alles gibt.

KEPSER: Das Horn schafft auch eine gewisse Lautstärke. Die Orchester sind im Laufe der Zeit immer lauter geworden, da ist ein gewisser Pegel gefordert, und das Horn bricht nicht aus. Man kann ziemlich laut darauf spielen, ohne dass es zu sehr knallt, es hat immer noch Substanz.

SPRINGMANN: Wichtig ist ja nicht nur das Instrument, wichtig ist auch, was man für einen Klang im Kopf hat, und auf was für einen Klang sich eine Gruppe dann verständigt.

DUFFIN: Wenn man uns alle nebeneinanderstellen würde mit dem gleichen Instrument – dann würde man auch nicht glauben, dass das das gleiche Instrument ist, da bin ich ziemlich sicher.

DAUSACKER: Ja, ich auch. Wenn zum Beispiel Ralf zehn verschiedene Alexander-Hörner ausprobiert, hört man zehnmal Ralf. Aber nicht zehn verschiedene Hörner. Ein Instrument ist wie ein Verstärker bei den Blechbläsern. Wie bei der menschlichen Stimme. Jeder hat eine Stimme, die so individuell ist, dass er sofort zu erkennen ist. Das ist beim Blechblasinstrument genauso.

DUFFIN: Letztlich ist es auch nur ein Mittel zum Zweck. Die Tonproduktion ist bei uns noch viel körperlicher als bei den Streichern. Die sind vom Instrument abhängiger als wir. Wenn mir ein Horn herunterfällt, fange ich nicht an zu weinen. Dann bestelle ich halt ein neues. Die emotionale Bindung zum eigenen Instrument ist deutlich kleiner.

Carsten Duffin, Norbert Dausacker und Francois Bastian (c) BR/Meisel

Wie lange dauert es, bis ein Horn aus der Werkstatt zu Ihrem Horn wird?

DAUSACKER: Es gibt Leute, die sagen, es klingt vom ersten Tag an so, wie ich das haben möchte, und hören keinen Unterschied. Andere sagen: Ich habe drei Monate gespielt, und am Morgen des 17.4. ist es bei der F-Dur-Tonleiter endlich aufgegangen und ganz toll geworden. Andere kippen Milch rein oder Cola, damit von innen eine Art Biofilm entsteht – um den natürlichen Prozess zu beschleunigen, der durch die Feuchtigkeit im Instrument entsteht. Und es gibt wieder andere, die hängen ihr Horn in eine Schallkammer und lassen es über Wochen mit bestimmten Frequenzen beschallen.

BASTIAN: Dann ist es ein Dry Age Horn. (Großes Gelächter)

SPRINGMANN: Ich würde sagen, man braucht vielleicht ein Vierteljahr. Ich bin gewohnt, den einen Ton ein bisschen höher zu nehmen und den anderen ein bisschen tiefer, ein Horn stimmt nie wirklich perfekt, das sagt uns die Natur. Und jetzt habe ich ein anderes Horn, da ist der eine Ton noch ein bisschen höher und der andere noch ein bisschen tiefer, und dann braucht es eine Zeit, bis ich genau weiß: Ist das jetzt das Horn, oder bin’s ich?

DUFFIN: Die meisten von uns geben ihr Instrument einmal im Jahr zum Instrumentenbauer, zum Generalüberholen, einmal Waschen-Schneiden-Legen-Fönen, gucken, ob noch alles okay ist, Lötstellen nachschauen lassen. Dabei wird es auch innen gereinigt, das landet dann im Ultraschall- Bad, und danach ist dieser Biofilm weg, der sich durch die konstante Feuchtigkeit im Instrument bildet. Und ich persönlich finde, das Horn fühlt sich danach grauenvoll an.

BASTIAN: Es reicht schon, das Mundstück zu putzen. Das mache ich nie vor Konzerten.

DUFFIN: Das ändert tatsächlich alles. Danach dauert es wieder einige Zeit, bis es wieder so ist, wie es sein soll.

DAUSACKER: Ein ehemaliger Kollege hat immer behauptet, wenn bei ihm der Zahnstein entfernt wird, kann er immer erstmal eine Woche nicht spielen.

DUFFIN:  Ich find’s auch komisch, ehrlich gesagt. Das fühlt sich falsch an. Wir sind da ganz sensibel. (Großes Gelächter)


Gibt es in der Werkstatt der Gebrüder Alexander jemanden, der all diese Sensibilitäten kennt und Sie betreut?

SPRINGMANN: Ja, der Kollege in dieser Firma ist in meinem Alter, uns verbindet ein langer gemeinsamer Weg – er hat mir das erste Horn vor 40 Jahren angepasst. Er weiß, was für ein Mundstück ich habe, er weiß, dass er das Mundrohr gleich ein bisschen aufmachen muss, er kennt meine Befindlichkeiten. Da hat sich ein Vertrauensverhältnis entwickelt – das empfinde ich schon als eine Bereicherung. Man entwickelt ja auch eine besondere Beziehung zum Instrument – es begleitet dann ja doch unser Leben, es ist mehr als nur ein Stück Blech.

DAUSACKER: Ja, das kann ich bestätigen, ich spiele mein Horn jetzt 20 Jahre.

SPRINGMANN: Die Instrumentenbauer werden mit uns ja auch verrückt. Die haben ein Horn liegen, dann kommen fünf Probanden und haben zehn Meinungen. Für den einen ist es ein Superhorn, und der zweite sagt, das ist eine Mülltüte, das geht gar nicht.

DUFFIN: Da ist unglaublich viel Gefühl dabei. Das hört draußen kein Mensch. Auch wenn man sich an einem Abend mal gut fühlt oder nicht: Das findet alles da oben statt (tippt sich an den Kopf). Das ist für Außenstehende nicht wahrnehmbar, aber es ist unfassbar wichtig – das ist es, was den Unterschied zwischen gut und schlecht ausmacht.

NRSO-Horngruppe (c) BR/Meisel

Wie lange ist die Lebensdauer eines Horns?

SPRINGMANN: Die einen sagen, nach acht Jahren ist ein Horn ausgelutscht, weil das Material ermüdet. Die anderen sagen: Quatsch, das klingt doch wunderbar. Das hängt von vielen Faktoren ab. Es gibt Leute, die haben einen sehr aggressiven Speichel. Ein Kollege, ein berühmter Solist, hat ein Instrument, das immer wieder abgedichtet wurde und fast nur noch aus zusammengelöteten Flicken besteht. Und natürlich ist entscheidend, wie man damit umgeht: Ich weiß noch, wie einem älteren Kollegen, der vor mir lief, auf dem Weg von der Bühne das Horn aus der Hand fiel – und er hat sich nur gebückt, hat es aufgehoben und ist einfach weitergegangen. Ich dachte, ich traue meinen Augen nicht.

DAUSACKER: Man kann durchaus 20, 30 Jahre auf einem Instrument spielen, verwächst damit beinahe und fühlt sich unglaublich wohl, aber der Unterschied zum neuen Instrument wird dann immer größer – und der Umstieg immer schwerer. Das neue ist wesentlich strammer, steifer, fester, klarer. Es schwimmt nicht so, irgendwann eiert ein altes Instrument eben doch ziemlich herum, dafür spricht es sehr leicht an. Wenn es ungefähr ein Vierteljahr dauert, sich an ein neues Instrument zu gewöhnen – wie lange dauert es, bis man mit den Hörnern der Kollegen vertraut ist?

DUFFIN: Das ist ein Prozess, der nie aufhört.

DAUSACKER: Letztendlich gibt es dafür auch die Registerproben. Da klären wir Intonationsfragen und andere Dinge: Wer muss wie laut im Akkord spielen, wie wollen wir eine bestimmte Stelle anlegen, wie wollen wir den Akkord anspielen.

DUFFIN: Wobei man auch sagen muss, dass über die Jahre viele Sachen sehr selbstständig funktionieren. Eine Gruppe wächst zusammen, man kennt sich, die Kollegen wissen über die Arten und Unarten des anderen.

SPRINGMANN: Was? (Gelächter)

DUFFIN: Dementsprechend ist das immer sehr unkompliziert.

KEPSER: Es ist ja auch nicht so, dass, wenn man die Achte Bruckner einmal ausgestimmt hat, dass sie fünf Jahre später immer noch stimmt.

DUFFIN: Oh, das wäre schön!

SPRINGMANN: Wir sind inzwischen wie ein gut eingespieltes Fußballteam. Jeder weiß genau, wo die anderen sind, und wenn mal was nicht passt, weisen die Kollegen darauf hin. Das macht schon sehr viel Freude im Moment. Und am schönsten ist es, wenn man Aufnahmen hört und denkt, verdammt nochmal, diese Horngruppe ist ja wirklich klasse, und hört dann im Abspann, hey, das waren wir ja selber. Ist mir schon passiert.

DUFFIN: Echt? Und du hattest Dienst? (Gelächter)


Herzlichen Dank!