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„Blätter, die die Welt bedeuten“

Wie gut die Klarinetten im Orchester klingen, und ob überhaupt: Das hängt von einem dünnen Stück Bambusholz im Mundstück ab. Ein gutes Rohrblatt von einem schlechten zu unterscheiden ist eine Kunst für sich, die jeder für sich selbst ergründen muss. Zehn Einsichten der Klarinettistin Bettina Faiss. Text: Florian Zinnecker.

Bettina Faiss Rohrblattworkshop (c) BR/Meisel

1. Erst das Blatt macht den Ton

Ein Klarinettenton besteht aus nichts als bewegter Luft. Und damit die Luftsäule in der Klarinette ins Schwingen kommt, brauchen wir ein Blatt aus Bambusholz, das beim Spielen vibriert, ganz ähnlich wie die Kollegen an der Oboe und am Fagott. Das Blatt wird unten an die Öffnung des Mundstücks gebunden oder mit einer Klammer befestigt: ohne Blatt entsteht kein Ton.

2. Kein Blatt gleicht dem anderen

Weil Holz ein Naturprodukt ist, spricht jedes Blatt unterschiedlich gut an, es gibt keine zwei gleichen Blätter. Ein perfektes Blatt kommt leicht in Schwingung und flattert dann aber nicht zu stark. Leider gibt es solche Blätter nur selten, meistens muss man einen guten Kompromiss finden. Und je nach Wetter und Luftfeuchtigkeit verändern sich die Blätter auch – sogar während man spielt. Das müssen wir ständig ausgleichen: mit Druck über die Lippen und die Atemführung. Aber man gerät da natürlich an Grenzen.

3. Man hört, wenn sich das Blatt verändert

Natürlich, ein A bleibt ein A und ein F bleibt ein F, wir greifen die Töne weiterhin gleich, egal, was mit dem Blatt los ist. Aber wenn ein Blatt nicht mehr gut geht, wenn es mit Wasser vollgesogen und ein paar Hundertstel Millimeter dicker ist, leidet die Ansprache, die Tonqualität und auch die Intonation kann ins Schwanken geraten, gerade in der Höhe. Man kann das dem Blatt nicht ansehen. Aber man spürt es deutlich.

4. Ein bisschen Psyche ist immer dabei

Es gibt gute Blätter und schlechte Blätter, das steht außer Frage. Aber jeder von uns kennt die Situation, in der er etwas Schwieriges zu spielen hat und vorher das Gefühl bekommt: Heute ist das Blatt echt besonders schlecht – ganz einfach, weil man die Flexibilität, die man braucht, unter Anspannung oft nicht aufbringt. Umgekehrt ist es ein tolles und beflügelndes Gefühl, wenn man ein Blatt aufs Mundstück bindet und bei den ersten Tönen merkt: Wow, das geht ja toll. Dass alles stimmt, kommt ja durchaus auch vor.

5. Ein Blatt ist kein Schicksal

Wenn ich mich über das Blatt ärgere oder ihm nicht mehr vertraue, dann wechsle ich es aus. Auch im Konzert, wenn es sein muss. Manche Blätter neigen zum Kieksen, weil sie sehr schnell ungewollte Obertöne produzieren, dann binde ich in meiner nächsten längeren Pause ein neues auf. Jeder von uns hat fünf, sechs Blätter in der Schachtel und dafür eine Klassifizierung im Kopf. Und wenn das erste nicht geht, dann hoffentlich das zweite oder dritte – das sind meist genau die Blätter, die am Vortag zu schwer oder zu leicht waren. Aber wenn sich die erste Wahl als Fehler erweist, ist die zweite Wahl doch die bessere.

6. Selbst schnitzen hilft Verstehen

Heute ist es relativ einfach, an neue Blätter zu kommen: Es gibt sie in verschiedenen Schnitten zu kaufen, in Schachteln à zehn Stück. Unter den zehn sind für mich meistens zwei bis fünf brauchbare, die ich dann über mehrere Tage einspiele. Manche entwickeln sich zu „Konzertblättern“, manche benutze ich nur zum Üben. Es ist wichtig einen Blick für die Holzqualität und den gleichmäßigen Faserverlauf zu entwickeln. Dann weiß man, ob es sich lohnt, ein Blatt einzuspielen. Manche Kollegen schnitzen an den Blättern noch viel herum. Ich selbst hatte damit bisher wenig Erfolg, habe aber durch unseren Kurs mit Hanstoni Kaufmann neue und sehr gute Anregungen bekommen.

7. Die Blätter sind nicht lange haltbar

Manchmal gehen Blätter von heute auf morgen kaputt. Die Spitze ist extrem dünn, es kann passieren, dass sie abknickt. Es kann sein, dass sich das Holz verzieht oder aus irgendwelchen Gründen nicht mehr gut schwingt. Dann kann man das Blatt wegwerfen. Aber es gibt auch Blätter, die über mehrere Wochen wunderbar gehen – die besten schone ich und spiele sie nur bei wichtigen Anlässen.

Rohrblatt-Workshop 2018 (c) BR/Meisel

8. Entscheidend ist auch der Ort

Wenn wir in Hamburg gastieren, nehme ich ein Blatt, das in München zu schwer wäre. Denn in Hamburg herrscht ein anderer Luftdruck. In Städten, die näher am Meeresspiegel liegen, haben die Blätter weniger Widerstand. In höheren Gegenden ist es mühsamer, die Luftsäule zum Schwingen zu bringen. Ich brauche also immer auch zwei, drei Blätter mit deutlich anderem Anblas-Widerstand, um auch auf Reisen gute Bedingungen zu haben.

9. Holz muss nicht Holz bleiben

Einige Klarinettisten spielen inzwischen mit Blättern aus Carbon. Und die sind auch gar nicht mal schlecht. Für mich selbst habe ich jedoch festgestellt: Holz hat letztlich doch mehr Wärme und Natürlichkeit im Klang. Die Vorstellung, ein stabiles Blatt für sehr lange Zeit zu haben, ist allerdings sehr verlockend….

10. Jeder Klarinettist muss den Weg selbst zurücklegen

Letztlich muss jeder für sich selbst herausfinden, was für ihn am besten funktioniert. Im Studium haben wir Tricks ausgetauscht und viel experimentiert: ob es besser ist, das Blatt mit einer Schnur zu befestigen, mit einer Klammer, oder doch mit einer Goldplatte. Manche Kollegen sind sehr unkompliziert und kommen auch mit Blättern zurecht, die andere längst ausgemustert hätten. Ich selbst mag Blätter, die nicht zu viel Widerstand haben und fein zu modulieren sind. Da muss tatsächlich jeder für sich den richtigen Weg finden.

Rohrblatt-Workshop 2018 (c) BR/Meisel
Rohrblatt-Workshop 2018 (c) BR/Meisel
Rohrblatt-Workshop 2018 (c) BR/Meisel
Rohrblatt-Workshop 2018 (c) BR/Meisel
Rohrblatt-Workshop 2018 (c) BR/Meisel
Rohrblatt-Workshop 2018 (c) BR/Meisel
Rohrblatt-Workshop 2018 (c) BR/Meisel