Mariss Jansons (c) Astrid Ackermann

Wunsch & Wirklichkeit

Wie das BR-Symphonieorchester klingt: dieser Frage widmet sich kein anderer so leidenschaftlich wie sein Chefdirigent Mariss Jansons. Das Feilen am perfekten Klang beginnt mit jedem Werk neu – und manchmal hält ihn dabei nichts am Dirigentenpult. Das Interview führte Florian Zinnecker.

Maestro Jansons, der Klang des BR-Symphonieorchesters beginnt in Ihrem Kopf. Wenn Sie mit dem Orchester ein neues Werk einstudieren – woher wissen Sie, wie es am Ende klingen muss?

Mariss Jansons: Vieles steht in der Partitur. Wie ist die Besetzung, wer spielt? Wie ist das Werk gebaut? Wie sind die Themen im Orchester verteilt? Man darf sich natürlich nicht täuschen: Nur weil beispielsweise das Blech voll besetzt ist, heißt das nicht, dass das Blech dominiert – vielleicht nur in einer Passage, vielleicht überhaupt nicht. Ich muss sehr genau lesen. Ich sehe die Tempi, die Gestalt der Musik, ich sehe, welche Atmosphäre ausgedrückt werden soll – hundertprozentig vorhersagen kann man es nicht, aber daraus formt sich schon eine abstrakte Klangidee.

Können Sie beim Notenlesen mit dem inneren Ohr hören, wie die Musik beim Konzert durch den Konzertsaal schallt?

Ich brauche eine Idee davon, und zwar so konkret wie möglich. Ich entwickle ein Interpretationsmodell und ein Klangmodell, ich muss fühlen, ob und wie sich alle Bestandteile, die ich genannt habe, zu einem Gesamtbild fügen. Wenn ich mit einem Werk zum ersten Mal zu tun habe, ist das natürlich nicht so leicht. Aber in der ersten Probe wird es besser, dann kann ich meine Vorstellungen mit dem abgleichen, was ich höre. Manchmal (lächelt) habe ich spontan eine bessere Idee und werfe alles um. Wissen Sie, meine Klangvorstellung ist nicht in Stein gemeißelt, natürlich ist sie das Ziel, aber ich stelle sie nicht unangreifbar über die Realität. In den Proben entwickelt sich beides: mein Wunsch und die Wirklichkeit.

Mariss Jansons Dirigent des Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks (c) BR/Peter Meisel

Wenn Sie mit der Partitur arbeiten – sitzen Sie am Schreibtisch oder am Klavier?

Früher habe ich jedes Werk am Klavier einmal durchgespielt, direkt aus der Partitur. Heute reicht es mir, einzelne Linien der Streicher zu spielen oder Bläser-Phrasen, um eine erste Idee zu bekommen, gerade bei neuen Werken. Letztlich verstehen Sie so aber nur den Bauplan auf dem Papier besser – die Errichtung des Gebäudes haben Sie immer noch vor sich.

Was passiert in der ersten Probe mit dem Orchester?

Wir spielen das Werk einmal durch, komplett. Damit wir alle eine Vorstellung davon bekommen, wie diese Musik klingt. Ich weiß dann auch sofort, an welchen Stellen ich ansetzen muss. Dann beginnt sofort die Detailarbeit am Klang.

Wie können Sie den Klang verändern?

Mit meinen Händen. Ich zeige dem Orchester die Dynamik und den Charakter, den die Musik haben soll.

Es gehört zum Markenkern des BR-Symphonieorchesters, häufig Gastdirigenten einzuladen – darunter viele renommierte mit eigener Handschrift. Wie schaffen Sie es als Chefdirigent, trotzdem die Hoheit über den Klang des Orchesters zu behalten?

Ich mische mich in die Arbeit der Gastdirigenten überhaupt nicht ein, ich bin nicht dabei. Es ist eher so, dass die Gastdirigenten meine Aufgabe unterstützen: Je besser sie sind, desto mehr lernt das Orchester aus der Arbeit mit ihnen, und desto besser werden wir. Was ich anstrebe, ist schwer zu formulieren, ohne dass es banal klingt: Das Orchester muss gut spielen – technisch gut. Die Intonation muss perfekt sein, und ich lege großen Wert auf den Klang.

Wie klingt das Orchester?

Ich finde, sehr gut (lacht). Wir haben einen sehr vollen Klang, sehr emotional, brillant und dunkel, das ganze Spektrum. Am meisten freue ich mich über unser Pianissimo: Einfach nur leise zu spielen, ist leicht, es ist aber extrem schwer, dabei trotzdem lebendig und ausdrucksstark zu klingen. Dieses Orchester kann das.

Wie sehr ist der Klang des Orchesters vom Saal abhängig, in dem es spielt?

Ein guter Saal erzieht das Orchester. Die Musiker hören sich selbst besser, sie hören, was andere Stimmen spielen – und sie fühlen es auch. Das ändert das Zusammenspiel natürlich völlig. Aber sehr gute Säle sind selten, oft haben wir mit Mittelklasse zu tun – und wenn wir in einem Saal bei einem Gastspiel zum ersten Mal auftreten, sagen wir uns vorher: Schauen wir mal, wie es wird, es ist ein Experiment, ein Risiko. Letztendlich spielt das Orchester überall so, wie es spielt. Man muss nur unterschiedlich stark eingreifen und korrigieren, damit es auch klingt.

Wenn Sie mit dem Orchester auf Tournee gehen: Wie lässt sich der Orchesterklang in andere Säle mitnehmen?

Wir machen Akustikproben. Ich wähle aus dem Programm die Stellen aus, die für den Klang charakteristisch sind – und dann probieren wir aus: Wie leise können wir spielen? Wie laut dürfen wir werden? Funktioniert die Balance der einzelnen Stimmen? Jeder Saal klingt individuell, der eine ist trockener, der andere geht in die Breite oder klingt ein wenig dumpf, daran versuchen wir uns zu gewöhnen und herauszuholen, was möglich ist.

Mariss Jansons mit BRSO Konzert in Katowice 2017 (c) BR/Peter Meisel

Verlassen Sie auch manchmal das Dirigentenpult?

Oh ja, sehr oft – ich muss ja kontrollieren, wie es im Saal klingt, um zu wissen, was das Publikum hört. Dann gebe ich den Dirigentenstab einem Kollegen aus den Zweiten Geigen und spaziere im Saal herum, laufe durchs Parkett und gehe auf die Ränge.

Sie hören das Orchester am Dirigentenpult anders als das Publikum im Saal – und niemand im Saal hört es so wie Sie am Pult.

Ja, es klingt an jedem Platz verschieden. Schon der Konzertmeister neben mir hört das Orchester anders als ich. Das ist auch vom Saal abhängig – im Idealfall ist der Unterschied nicht zu bemerken, aber es gibt auch im Orchester bessere und schlechtere Plätze. Ich habe meistens einen ziemlich guten Platz.

Das heißt, das Dirigentenpult ist nicht immer der beste Platz?

Das ist von Saal zu Saal unterschiedlich, es ist schon vorgekommen, dass die Akustik am Pult schlechter war als im Publikum, weil der Klang über meinen Kopf hinweg ging. Das lässt sich mit ein wenig Erfahrung aber auffangen.

Sie müssen also beim Dirigieren immer auch mit dem Kopf im Saal sein?

Ich kann beim Konzert nicht darüber nachdenken, wie es jetzt gerade wohl in der letzten Reihe klingt. Dazu sind die akustischen Proben da, das reicht, dann weiß ich es schon. Allzu viel lässt sich sowieso nicht machen – ich erinnere mich an Abende, an denen wir im Konzert gemerkt haben: Überraschung, der vollbesetzte Saal klingt völlig anders als erwartet, was wir vor ein paar Stunden probiert haben, funktioniert gar nicht. Das passiert mir sehr selten. Aber hundertprozentige Sicherheit gibt es nicht. Man darf auch nicht vergessen: Manchmal spielen die Musiker in der Probe nicht mit voller Energie, weil sie sich die Leidenschaft fürs Konzert aufheben. Das finde ich grundsätzlich auch richtig, aber es wirkt sich auf das aus, was ich im Saal höre. Wenn ich misstrauisch werde, kann es schon vorkommen, dass ich dann in Richtung Podium rufe: So, meine Damen und Herren, jetzt spielen Sie’s mal so wie im Konzert.

Wie oft kommt es vor, dass Sie, während Sie das Konzert dirigieren, zufrieden mit dem sind, was Sie hören? Kommt es vor, dass Sie denken: Jetzt ist es perfekt?

Ach, »perfekt« gibt es nicht, und ehrlich gesagt verschwende ich darauf während des Konzerts nicht allzu viele Gedanken. Natürlich muss ich beim Dirigieren analysieren, was passiert, ich darf mich nicht nur auf die Emotionen und den Ausdruck konzentrieren – aber die haben klar Priorität. Korrigieren kann ich ohnehin nichts mehr. Wenn ich es gehört habe, ist es vorbei. Für die Analyse ist nach dem Konzert Zeit, dann kann ich darüber nachdenken, was gut war, wo ich nächstes Mal besser aufpassen muss und was ich am Klang verändern möchte.

Ein schmaler Grat zwischen Bauch, Herz und Kopf.

Ich bin dann in einer eigenen inneren Welt, irgendwo zwischen Emotion und Verstand, das kann ich gar nicht genau benennen. Aber in jedem Fall muss ich, um Musik entstehen zu lassen, voll in diesem Prozess sein. Wenn man zu viel darüber nachdenkt, was war, kann das, was kommt, leicht schiefgehen, weil ich nicht darauf konzentriert war. Ich muss das, was kommt, vorhersehen, ich muss es im Kopf vorbereiten.

Mariss Jansons mit BRSO Konzert in Katowice 2017 (c) BR/Peter Meisel

Spielt in dem Moment noch die Klangidee eine Rolle, die Sie am Anfang hatten?

Es kann schon sein, dass ich mich spontan entschließe, etwas Neues zu probieren – besonders auf Tourneen, wenn wir ein Werk vier- oder fünfmal spielen. Dann liebe ich es sehr, ein bisschen zu improvisieren. Die Musiker wissen das, und natürlich achte ich darauf, nicht zu übertreiben, damit es nicht schiefgeht. Ich mag es aber ohnehin nicht, wenn ein Konzert nur eine Kopie der Probe ist. Das Konzert muss mehr sein. Das ist wie eine kosmische Rakete: die Vorbereitung ist die erste Stufe, die Proben im Saal sind die zweite, aber es braucht noch eine dritte, um es in den Kosmos zu schaffen. Das Beste, was ich bieten kann, zusammen mit dem Besten, was das Orchester bieten kann.

Welche Eigenschaften braucht ein Konzertsaal, um das zu unterstützen?

Der Saal, und die Akustik im Saal, müssen sehr gut sein. Was heißt »sehr gut«? Der Klang auf dem Podium sollte sich vom Klang im Rest des Saals möglichst nicht unterscheiden. Der Saal braucht Wärme, der Klang muss schön sein und vibrieren können, er braucht genug Nachhall und soll genug Spielraum für die musikalische Gestaltung lassen. Und dann gibt es natürlich eine Menge weiterer Faktoren: genug Platz auf der Bühne, genügend Garderoben und Toiletten, eine angemessene Zahl an Probenzimmern für Ensembles und einzelne Stimmgruppen. Also, viel Platz ist wichtig; gleichzeitig muss aber ein enger Kontakt zwischen Orchester und Publikum möglich sein. Im Herkulessaal sehen die Zuhörer im Parkett die vorderste Reihe der Ersten und Zweiten Geigen – aber keine Bratschen, keine Celli, keinen einzigen Bläser. Das finde ich sehr schade. Denn wir geben dem Publikum ja eine Menge mit: viel Energie und viel emotionales Material, an dem sich jeder auf seine Art abarbeitet.

Wie müsste der Saal also aussehen?

Das ist ganz leicht und zugleich sehr schwer zu beantworten: Der Saal muss gemütlich sein. Nicht in dem Sinne, auf dem Sofa zu sitzen und ins Kaminfeuer zu schauen. Gemütlichkeit ist eine Frage der Farbe, des Lichts und der Energie in einem Raum – und die hängt letztlich stark vom Konzertverlauf ab. Das ist ein Wechselspiel: Natürlich ist es der Saal, der die Rahmenbedingungen eines Konzerts schafft; aber auch im besten Konzertsaal der Welt ist das Entscheidende immer noch das Konzert, das darin stattfindet.

 

Mariss Jansons Dirigent des Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks (c) BR/Peter Meisel