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Bühnenakustik im Herkulessaal

Wenn Sie im Konzertsaal sitzen und ein Konzert anhören, nehmen Sie nur wahr, was an Ihrem Sitzplatz akustisch passiert. Das Schallfeld ist aber eine komplexe Entität, die auch von Richtung und Abstand abhängt. Ob vorne im Publikum, oben auf dem Balkon oder auf der Bühne selbst, die Wahrnehmung verändert sich auf jedem Platz im Saal.

Diese unterschiedliche Wahrnehmung wollen wir hier mit Klangbeispielen aus unterschiedlichen Saalpositionen abbilden. Spezielle 3D-Mikrofone wurden neben den Musikern auf der Bühne und im Saal platziert. Sie schaffen ein omnidirektionales Bild vom Schallfeld, sozusagen 360-Grad.

Durch die Signalverarbeitung wird aus vier Eingangskanälen ein für Kopfhörer optimiertes Audiosignal, das sich interaktiv verändern lässt: Verändern Sie mit der Computermaus den Blickwinkel und Sie werden hören, das Klangbild am jeweiligen Platz verändert sich mit.

 

Für dieses Spatial-Audio gelten folgende technischen Voraussetzungen:
– am PC und Mac in den Browsern Chrome, Firefox, Opera oder Microsoft Edge (in Safari hören Sie nur ein „fixes“ Stereo)
– unter Android ab 4.2 oder höher in der Youtube Android App
– unter iOS hören Sie in der Youtube iOS App auch lediglich ein fixes Stereo

BRSO Positionierung Grafik (c) BR

1 = Dirigent   2 = Violine (Tutti)   3 = Kontrabass & Horn   4 = Holzposition   5 = Pauke   6 = Publikum (Balkon mitte)

Dirigent

„Der Klang auf dem Podium sollte sich vom Klang im Rest des Saals möglichst nicht unterscheiden. Der Saal braucht Wärme, der Klang muss schön sein und vibrieren können, er braucht genug Nachhall und soll genug Spielraum für die musikalische Gestaltung lassen.“  Mariss Jansons

Hören Sie hier das Orchester auf dem Platz des Dirigenten.

Probenausschnitt: Rachmaninow, Symphonische Tänze op. 45, 3. Satz, Lento assai – Allegro vivace

 

Violine (Tutti)

„Der Dirigent hört das Orchester so wie niemand sonst im Saal – auch anders als ich, obwohl ich direkt neben ihm sitze. Aber selbst die minimale Distanz macht einen Riesenunterschied. Seine Ohren sind mindestens einen halben Meter höher als meine, er befindet sich in einem ganz anderen Winkel, vor allem zu den Bläsern, als ich – meine Position ist ja gleichzeitig zentral und am Rand. Ich höre die Ersten Geigen zum Beispiel überproportional gut. Ein paar Zentimeter können da viel ausmachen.“ Anton Barakhovsky, Erster Konzertmeister

„Ich sitze in den Ersten Geigen gern links außen, weil ich ein Sitzriese bin und sich sonst die Kollegen beschweren, die hinter mir sitzen. Die Klangbalance innerhalb des Orchesters kann ich weniger gut wahrnehmen, weil der Abstand zu den anderen Stimmen recht groß ist. Was ich dafür sehr gut höre, ist die Resonanz aus dem Saal – ich habe ein Ohr im Orchester und eins im Publikum.“ Franz Scheuerer, Violine

Probenausschnitt: Mahler, 9. Sinfonie, 3. Satz: Rondo-Burleske

Kontrabass & HORN

„Wir Hornisten sitzen im Orchester mal links, mal rechts und mal mittig – das hängt vom Programm ab, von den Wünschen der Dirigenten und davon, wie viel Platz die Schlagzeuger brauchen. Rechts sitzen wir zwischen den Kontrabässen und spielen die Holzbläser relativ direkt an – was die Kollegen nicht besonders unterhaltsam finden. Ich sitze lieber links, da fühlt man sich ein bisschen freier und klingt sehr präsent.“ Carsten Duffin, Horn

Probenausschnitt: Mahler, 9. Sinfonie, 2. Satz: Im Tempo eines gemächlichen Ländlers

Holzposition

Ich sitze, vom Publikum aus gesehen, links – die Kollegen, die rechts sitzen, kann ich weniger gut hören: die Bratschen, die Posaunen, die Kontrabässe, auch die dritte und vierte Oboe. In größerer Besetzung höre ich vor allem das hohe Blech hinter mir. Wenn ich zweite Flöte spiele, also in einer tieferen Lage als die erste Flöte, kann ich ein bisschen mehr Gas geben, auch wenn ich mir selbst zu laut vorkomme. Aber das entwickelt sich mit der Zeit – inzwischen weiß ich, wann ich meinen Ohren trauen kann.“ Natalie Schwaabe, Flöte

„Der Herkulessaal ist ein wunderbarer Saal – bis zum späten Mozart und zum frühen Beethoven. Dann wird es kompliziert. Bei romantischen und spätromantischen Werken ist mein Platz eher ungünstig, weil hinter mir ein Regiment an Trompeten, Posaunen und Schlagzeug sitzt, das für mich alle anderen Stimmen zudeckt. Ich habe gelernt, damit umzugehen und mich an den Bögen der Streicher und am Dirigenten zu orientieren – aber bei manchen Sinfonien habe ich das Gefühl, sie würden auch ohne Fagott funktionieren.“ Marco Postinghel, Fagott

Probenausschnitt: Mahler, 9. Sinfonie, 2. Satz: Im Tempo eines gemächlichen Ländlers

Pauke

„Von meiner Position aus klingt das Orchester sehr gut. Ich sitze direkt vor der Rückwand, die Pauke klingt darum schnell sehr massiv. Vor allem in größeren Werken, die stilistisch eigentlich mehr Klang vertragen, muss ich mich bremsen. Durch die Distanz zu den Streichern ist das Timing nicht ganz einfach. Was ich spiele, kommt vorne spät an, ich muss viele Einsätze antizipieren.“ Raymond Curfs, Pauke

Probenausschnitt: Mahler, 9. Sinfonie, 3. Satz: Rondo-Burleske

Publikum – Balkon (Mitte)

„Wenn ich zu Hause Musik höre, kann ich entscheiden, wie laut und wie intensiv es sein soll – ob ich die Kopfhörer aufsetze und mich vertiefe, oder ob ich auf dem Smartphone ein Youtube-Video laufen lasse. Hier bin ich dem ausgeliefert, was das Orchester macht. Und das macht die Erfahrung intensiver – weil man sich darauf komplett einlassen muss. Ich verfüge nicht über den Klang der Musik, der Klang verfügt über mich.“ Konzertbesucher

„Ich gebe zu, ich kenne mich mit dem Thema Akustik nicht besonders gut aus. Wenn es heißt, ein Saal ist gut, dann kann ich die Musik darin viel leichter genießen als in einem schlechten Saal. Das kann daran liegen, dass der Saal wirklich gut ist. Oder daran, dass ich anders gestimmt bin.“ Konzertbesucher

Probenausschnitt: Rachmaninow, Symphonische Tänze op. 45, 3. Satz, Lento assai – Allegro vivace