Herbert Blomstedt

Donnerstag, 21. Dezember 2017, 20:00 Uhr
München, Herkulessaal

Programm

Wolfgang Amadeus Mozart
Symphonie Nr. 41 C-Dur, KV 551 "Jupiter"

Pause

Wilhelm Stenhammar
Symphonie Nr. 2 g-Moll, op. 34

Herbert Blomstedt, Dirigent

Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks

Mit seinen nunmehr 90 Jahren dürfte Herbert Blomstedt der dienstälteste unter den großen Dirigenten unserer Zeit sein. Ein Phänomen ist er in jedem Fall – unvergleichlich sind seine inspirierende Vitalität auf dem Podium, seine unmittelbar ansteckende, zu Herzen gehende Musizierlust. Gern mischt Blomstedt in seinen Programmen Bekanntes mit Unbekanntem, wie auch sein jüngster Auftritt beim Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks zeigt, dem er seit 2005 freundschaftlich verbunden ist. So bringt er diesmal ein monumentales Werk der Spätromantik aus seiner schwedischen Heimat mit, die Zweite Symphonie von Wilhelm Stenhammar. Vor 90 Jahren starb der überragende Pianist, Dirigent und Komponist recht jung in seiner Geburtsstadt Stockholm. Als „nüchterne und ehrliche Musik ohne Klatsch“ bezeichnete Stenhammar seine Zweite Symphonie von 1915, in der er sich von Bruckner und Wagner abwandte und ganz zu seinem erhaben kirchentonalen, unverkennbar nordischen Stil fand. Beziehungsreich setzt Blomstedt Mozarts „Jupiter-Symphonie“ davor, Schlussstein seines symphonischen Schaffens, Inbegriff des klassischen Stils und zugleich Signal des Aufbruchs in neue Welten. Alles steuert hier auf das himmelsstürmende Finale mit seinen Fugen-artig verschränkten Themen zu – kühn schlägt Blomstedt damit einen Bogen zur imposanten Doppelfuge, mit der Stenhammar sein Werk kunstvoll beschließt.

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Herbert Blomstedt über Wilhelm Stenhammar

Herbert Blomstedts Begeisterung für die Musik des schwedischen Komponisten und langjährigen Chefdirigenten der Göteborger Symphoniker Wilhelm Stenhammar wurzelt auch in seiner eigenen Biographie. Bedingt durch den Beruf seines Vaters, Pastor in der Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten, zog die Familie häufig um. Während seiner Jugend lebte Herbert Blomstedt in Göteborg und wuchs mit den dortigen Symphonikern musikalisch auf. Seinen Geigenunterricht erhielt er von Lars Fermaeus, dem Dritten Konzertmeister des Orchesters. In seinem 2017 erschienenen Buch »Mission Musik« spricht Herbert Blomstedt ausführlich über Stenhammar.

Meine erste Begegnung mit Stenhammar fand sehr früh schon im Unterricht bei Lars Fermaeus statt. Er ließ mich am Ende der Stunde immer ein Stück Kammermusik vom Blatt spielen, und da haben wir einmal ein Stück von Stenhammar gespielt, eine Romanze für Geige und Orchester. […]
Als ich anfing zu dirigieren, bat man mich in Stockholm einmal darum, ein paar Schauspielmusiken von Stenhammar auf Platte einzuspielen. […] Dann ging ich schon bald weg aus Schweden. Ich wusste, dass Stenhammar diese beiden großen Orchesterwerke geschrieben hat [die g-Moll- Symphonie und die Serenade in F-Dur]. Meine Freunde sagten immer, ich müsse diese Werke spielen. Der Musikwissenschaftler und Kritiker Bo Wallner, der auch eine große, dreibändige Stenhammar-Biographie geschrieben hat, war ein sehr guter Freund von mir, beinahe wie ein Vater. Seine Passion war die schwedische Musik. Und er sagte, es sei eine Schande, dass ich keinen Stenhammar spiele. Aber außerhalb Schwedens musste ich erstmal andere Musik lernen: norwegische Musik, dänische, Strauss in Dresden, amerikanische Musik. So blieb Stenhammar immer liegen, und ich hatte ein bisschen ein schlechtes Gewissen dabei. Als ich 85 wurde, dachte ich: jetzt oder nie. Ich habe keine Verpflichtungen als Chefdirigent mehr, jetzt muss ich etwas für Stenhammar tun. […]
Die Volksmusik ist bei Stenhammar sehr im Hintergrund, ähnlich wie bei Sibelius. Sibelius zitiert ja nie Volksmelodien, aber dennoch rührt vieles aus dieser Sphäre. Es klingt ein bisschen kirchentonal, ein bisschen mittelalterlich. So ist es auch bei Stenhammar. […] Das Kirchentonale schimmert bei ihm immer wieder durch, zum Beispiel im Hauptthema des Kopfsatzes der g-Moll-Symphonie, das eigentlich ein dorisches Thema ist. […]
Die Musik ist sehr gut gemacht, sie ist auch sehr polyphon. […] Im Schlusssatz gibt es vier Fugen, zwei davon sind sogar Doppelfugen. Dieses Symphoniefinale ist natürlich ohne Beethoven, das heißt ohne die Hammerklaviersonate und die Große Fuge, nicht denkbar. Stenhammars Idole waren Beethoven und Sibelius. Sibelius hat ihn fast blockiert. Hier in Göteborg hat sich Stenhammar geradezu selbstlos für Carl Nielsen und Sibelius eingesetzt. Göteborg wurde durch ihn zum Zentrum für nordische Musik. Aber die Bewunderung für Sibelius hat ihn erschlagen, er konnte kaum mehr komponieren. In seinem Vertrag stand, dass er jedes Jahr ein eigenes Stück aufführen darf. Die ersten sechs oder sieben Jahre aber hat er nur Musik von anderen gespielt. Er war ein sehr scheuer Mensch, eine Noli me tangere-Figur, sehr sensibel. Aber für andere Menschen hat er alles gemacht. Das bewegt mich sehr. Solche Menschen sind sehr selten. […]
Auch Stenhammars Klaviermusik ist sehr virtuos und sehr kontrapunktisch. Das schönste Klavierstück ist vielleicht Spätsommernächte. Wenn ein weniger begabter Komponist das komponiert hätte, wäre es vielleicht in Sentimentalität abgeglitten […]. Aber Stenhammars Musik ist herrlich zurückhaltend. […] Für ihn ist die Naturstimmung erst der Anfang, dahinter steht immer der Wille, daraus etwas Tieferes zu gestalten. Gleichzeitig hatte er diese großen Selbstzweifel. Er musste sich immer durchringen. […]
Sein Abschiedsbrief an die Göteborger Symphoniker ist gerade erst gefunden worden. Es ist ein rührendes Dokument. Er schreibt: Ich kann nicht länger, ich bin total ausgebrannt und ihr verdient einen frischen Mann am Pult. Er ging dann für die letzten Jahre seines Lebens nach Stockholm zurück. Bevor er starb, bekam er einen Brief vom Orchestervorstand Edgar Mannheimer. Das Orchester wollte Stenhammar eine Wohnung schenken als Dank für die 15 Jahre. Stenhammar antwortete, er könne das nicht annehmen, das sei viel zu viel. Mannheimer schrieb zurück und erklärte ihm, warum er das doch verdient habe und bat ihn, das Geschenk anzunehmen. Daraufhin antwortete Stenhammar: Du hast recht, es war der Hochmut über meine eigene Bescheidenheit, der mich dazu gebracht hat, Dir so zu antworten. So ein Mann war er. Er nahm das Geschenk an, aber er zog nie ein, weil er im Folgejahr starb.

 



Bildergalerie

Zuletzt war Herbet Blomstedt im März 2017 bei uns zu Gast. Er dirigierte die Johannes-Passion von J.S. Bach.

Blomstedt mit BRSO 2017 (c) BR/Peter Meisel
Blomstedt mit BRSO 2017 (c) BR/Peter Meisel
Blomstedt mit BRSO 2017 (c) BR/Peter Meisel
Blomstedt mit BRSO 2017 (c) BR/Peter Meisel
Herber Blomstedt probt J.S. Bach Johannespassion (c) BR/Peter Meisel
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