Frank Reinecke

Missa Solemnis

11.11.20 | Frank Reinecke

Ein ausgefallenes Konzert, ein Buch, Isolation. Frank Reinecke begibt sich in der Coronakrise auf eine mentale Reise, ein Konzert nur im Geiste, auf den Spuren von Beethovens Ausnahmewerk Missa Solemnis. Inmitten des Konflikts zwischen Anbetung und tiefem Verständnis stößt er auf Parallelen zur aktuellen Situation…

Frank Reinecke liest seinen Beitrag „Missa Solemnis“. Teil 1/2 anhören:

Von Herzen – möge es – wieder – zu Herzen gehen.
Von Herzen – aber nicht zu Herzen gegangen – weil abgesagt.

Doch ich möchte widersprechen: Schwer ist sie mir zu Herzen gegangen, die Missa Solemnis im vergangenen Frühjahr.

Am 2. und 3. April 2020 wäre beim BRSO Beethovens Missa Solemnis zur Aufführung gekommen, zur Feier von Beethovens 250. Geburtstag. Beethoven? Der misanthropische Humanist und Aufklärer der Musik, der es immer von neuem wagte, sich seiner Vernunft zu bedienen, der seine Werke geschäftstüchtig mehreren Verlegern gleichzeitig verkaufte, ein schroffer Charakter, der seine Haushälterin mit Eiern bewarf und dessen Musik klingt, als wäre sie die Liebe selbst.

Mariss Jansons hätte die Missa dirigieren sollen und wollte es sehnlichst. Auf dem Höhepunkt seines Könnens hatte er sich endlich an dieses rätselhafte Opus magnum herangetraut. Mariss Jansons ist vor der Zeit gestorben. Der liebevolle Gedanke an ihn geht einher mit dem eigenartigen Gedanken an eine so plötzlich versunkene Zeit. Die Missa blieb zunächst auf dem Spielplan stehen, bis Sir John Eliot Gardiner für die Konzerte gewonnen werden konnte.

Wäre es nicht ganz anders gekommen. Alle Konzerte wurden abgesagt. Wir waren betrogen um die Vergewisserung einer Gemeinschaftlichkeit, die uns gerade in dieser Krise Halt hätte geben können.

Unvorhergesehenes hat uns getroffen, ein Virusbefall, der uns mit diffuser Raffinesse bedroht, gleich einer biblischen Plage. Der Mensch herrscht eben nicht über die Natur. Aber wie dieses Virus den Körper befällt, so legt es sich auch auf die Seele. Ganz ehrlich – wer kennt sie denn nicht, die suspekte Versuchung, sich im Wirbel widersprüchlicher Gedankengänge mit selbstgezimmerten Kulissen aus blumiger Verharmlosung zu umgeben, oder endzeitlichem Pessimismus anheimzufallen, je nach Neigung und Tagesform.

„Meine“ Missa Solemnis

Die Missa Solemnis, was für ein überwältigendes Werk, mit dem ich seit meiner Jugend verbunden bin: Anfangs war sie für mich eine ausufernde Klangmolluske, die mich schwerfällig überrollt hatte, ohne dass ich das Geringste verstand. Aber sie war eben von Beethoven, und das hat mich bewogen, um sie zu kämpfen und sie nach und nach zu erforschen. Bis der Tag kam, der einer der glücklichsten meines Lebens war: mein erstes Konzert mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, ich gerade 23 Jahre alt, grün hinter den Ohren, am Kontrabass in diesem großartigen Orchester, im guten alten Herkulessaal. Es war im September 1983, und mein erstes Konzert war zugleich das Antrittskonzert von Sir Colin Davis als Chefdirigent. Im Gloria erwischte es mich dann: dieser erste Engelsgesang in Gestalt jener Holzbläserüberleitung, vor dem „Gratias agimus“, danach wieder ähnlich im Credo, vor dem „Qui tollis“. Zwischen den Herzen gibt es Wege, auch über die Jahrhunderte hinweg.

Seit damals arbeitet die Missa Solemnis stetig in mir, irgendwo in den tiefsten Gründen. Sie ist jederzeit zugänglich: in Gedanken, oder wenn ich sie ab und zu auf CD anhöre. Unvergleichlich bereichernder allerdings am Kontrabass, an der atmenden Bewegung und hörenden Resonanz des großen Klangkörpers teilnehmend. Niemand, der eine Aufführung der Missa miterlebt hat, ob singend, hörend oder spielend, wird sich dem Eindruck feierlicher Erhabenheit entziehen können – was für ein Wort: Erhabenheit. Was für ein altmodischer, kitschiger Begriff! Dabei bezeichnet er doch nichts Anderes als das Erleben einer gewaltigen geistigen Größe, die sich gerade dadurch beweist, dass man sie nicht vollständig erfassen kann … Der Olymp, in Wolken gehüllt …

Und ist es nicht manchmal so, dass wir gerade das besonders lieben, was wir nicht ganz verstehen? Wir mystifizieren gerne. Wie gefährlich kann das sein, sobald wir es öffentlich tun. Kollektive Anbetung sträubt sich gegen Reflektiertheit. Die Missa Solemnis scheint dieser Gefahr geradezu bewusst ausweichen zu wollen, denn sie stellt mehr in Frage, als sie sich zu beantworten zutraut – im Gegensatz zur Neunten.

Ein nicht stattgefundenes Konzert

Nun war es der Abend des 2. April, und ich muss nicht ausmalen, was es bedeutet, an solch einem Abend nicht „zum Dienst“ gehen zu dürfen. Dienst? Ja, so heißt das bei uns. „Dienst“, umgeben von einem eher nüchternen Wortfeld, wie Nachtdienst, Liniendienst, Dienstanweisung. Doch warum eigentlich nicht Gottesdienst?

Die gewohnte Vorbereitung auf das Konzert, mit Stille, mit Yoga, mit Atemübungen, um Körper, Geist und Sinne in den maximalen Präsenzzustand zu versetzen. Das unwillkürlich sich anreichernde Adrenalin, der Schauer der Vorfreude auf das zu verwirklichende Werk, das Einschwingen zwischen Menschen, Klängen und geistigen Wahrheiten, wie sie die Partitur offenbart – und ihren unvermeidlichen Ausdeutungen durch uns Ausführende. Das bewegliche Erleben einer von Musik durchdrungenen Gemeinschaft, in der alle Menschen für kurze Augenblicke Brüder werden. Welch glückselige Real-Utopie!

Stattdessen versperrten vier Wände die vier Himmelsrichtungen, und der Realgedanke an einen menschenleeren, abgedunkelten Herkulessaal lag bedrückend auf mir. Bildlich gedacht: unser Orchester ein Ozeanriese, der nicht auslaufen darf. Ein nicht stattgefundenes Konzert, eine niemals aufzufüllende Lücke in der Erinnerung. Ein Verlust an gegenseitiger Verbundenheit. Was ich mir hingegen nicht nehmen ließ, war das Hineindenken und -fühlen in die geistigen Energien dieser gewaltigen Komposition.

Mir fiel ein Buch in die Hand, nein, ich fiel förmlich hinein: ein Faksimile-Druck mit Beethovens handschriftlichen Skizzen zur Missa Solemnis, Zeugnisse aus Beethovens Hand, mit grobem Zimmermannsbleistift eilig gesetzt, fragmentarische Schnappschüsse einer ohnegleichen energiegeladenen, grüblerischen Gedankenflucht, kaum zu entziffern, schwer nachvollziehbar. Vor mir öffneten sich die schwindelerregenden Abgründe der Kreativität, als spräche der Komponist zwischen den Zeilen: Ich weiß nicht weiter, aber ich muss …

Gloria – ein Blick in die Partitur

Die Entwürfe des Gloria-Themas widerlegen eindrücklich den Mythos des von höheren Mächten empfangenden Genies. Die Themenversuche erwecken nicht den Eindruck von Geniestreichen, sondern erscheinen verdreht und unoriginell zugleich. Beethovens Skizzenbücher gewähren kaum den ersehnten Einblick ins Innere seiner Seele, wohl aber ins sprichwörtliche „Ringen“ seiner Arbeit. Schönberg hatte wohl recht: „Ich glaube: Kunst kommt nicht von Können, sondern vom Müssen.“


 

Notenbeispiel Gloria-Thema Missa Solemnis

Ganz anders das strahlende und scheinbar simple Gloria-Thema, zu dem sich Beethoven schließlich durchgerungen und ermutigt hat, so wie wir es kennen: eine hemiolisch-diatonische Rakete im Quintformat, man verzeihe mir die Ausdrucksweise, das heilige Dreiermetrum des „Gloria“ feierlich augmentierend. Was Beethoven an physischem Raumklang versagt ist, verlegt er in geistige Formeln: flackernd schlaglichternde Echos in komponierter Engführung, über einem alles hinwegfegenden Sturm aus schnellen Achteln. Die atmenden Aufweitungen auf den Silben „Deo“ in hoher, und „Pax“ in tiefer Lage. Atemberaubendes jedoch geschieht am Ende des Gloria, wenn sich harmonische Flächen auftürmen und verselbstständigen, Modulationsregeln verwerfend, die alte selbstverständliche Satztechnik als hinfälliges Menschenwerk entlarvend: Dem ergrauten Herrn Generalbass entgleitet das Kommando über die himmlischen Heerscharen.

Inneres Hören und das „Werk an sich“

Wer war es, der behauptet hatte: Die Musik existiert nur, während sie erklingt, und mit dem letzten Ton endet sie? Wenn das aber stimmt, kann es keine Missa Solemnis geben, dachte ich, denn Beethoven konnte seine eigene Musik nicht hören. Sein inneres Ohr, seine titanische Vorstellungskraft und sein Gedächtnis haben sie ermöglicht, sonst nichts.

Ich erinnere mich andererseits an einen meiner Lehrer, der uns ermahnte, die Interpretation eines Werkes beiseite zu lassen und „das Werk an sich“ zu betrachten. Weil ich das nicht konnte, war ich dagegen, und schüttete mein Herz später einem großen Musiker aus. Es war Walter Levin, der mir augenzwinkernd sagte: „Beherzigen Sie das! Dann brauchen Sie nicht mehr Klavier zu üben!“ Die Partitur ist nicht die Musik, so wie ein Kochbuch nicht satt macht.

Ein Traum

Es waren wohl solcherlei widersprüchliche Gedanken, die mich eingeschläfert hatten. Später erst wurde mir bewusst, dass es sich um einen Traum gehandelt haben musste, denn ich hörte mit dem Geist anstatt mit den Ohren … Ein unerhörtes tiefes Erleben der Missa Solemnis in meinem Inneren erhob sich über jede Chronologie einer irdischen Aufführung. Eher glich es dem Betreten einer geschützten, heiligen Region. Einerseits wie ein Echo aus Erinnerungen, andererseits ein konstruktives Gewahrwerden der unverrückbaren inneren Strukturen der Komposition. Ich geriet mehr und mehr ins Schwärmen über dieses ungeheure Werk.

Als sich mein Staunen endgültig überschlug, vernahm ich plötzlich eine Stimme, die mich ermahnte, meine Bewunderung nicht als Maßstab für die Qualität einer Komposition anzusetzen. Ich muss zu laut gejubelt haben, denn jene Stimme versuchte mich zu beruhigen und riet mir für die Annäherung an die Missa, „die Aura beziehungsloser Verehrung zu durchbrechen, die sie schützend umgibt, und damit vielleicht etwas beizutragen zu ihrer authentischen Erfahrung jenseits des lähmenden Respekts der Bildungssphäre. Der Versuch dazu bedarf als seines Mediums notwendig der Kritik.“

Ich horchte auf. „Ich stehe also mit meiner Anbetung einem vertieften Verständnis der Missa im Weg?“, fragte ich den fremden Herrn mit den wachen klugen Augen. „Aber es wäre doch reichlich anmaßend, einen Beethoven zu kritisieren? Wer bin ich denn!“ Der Unbekannte erklärte mir, mit einem Lächeln: „Dies Bemühen hat nicht den Sinn des debunking, des Herunterreißens approbierter Größe um des Herunterreißens willen. Sondern Kritik kann, einem Werk solchen Anspruchs gegenüber nichts anderes sein als ein Mittel zur Entfaltung des Werkes.“

Es dämmerte mir allmählich, dass ich unter Geister geraten war. „Wer sind Sie?“, fragte ich den seltsamen Eindringling in meine Gedankenwelt. Ach ja, meinte er schmunzelnd, er sei Professor Wiesengrund. Ich löcherte ihn mit Fragen über Beethovens Haltung zu Religion und Humanismus. Allerdings, wie das bei Träumen ja manchmal so ist, habe ich beinahe nur diese einzige Frage behalten:

„Kirchenmusik war Beethoven im Grunde doch fremd! Aus welcher Quelle schöpfte der Humanist, während er den Text des liturgischen Rituals ausdeutet?“ Professor Wiesengrund schlug nachdenklich den Kopf zurück und antwortete: „Nun freilich wird es zum Problem, an dem sich seine Kraft abarbeitet. Es ist nicht zu trennen von der Paradoxie, dass Beethoven überhaupt eine Messe komponierte; verstünde man ganz, warum er es tat, verstünde man wohl auch die Missa.“

Wir schwiegen wohl eine gefühlte Traum-Minute und lauschten dem schwebenden Klangplasma des Kyrie. Bis schließlich ein anderer Geist, kein geringerer als Paul Bekker, der große Beethoven-Biograph, sich zu Wort meldete. Er hatte uns wohl zugehört und versuchte nun, unsere gewisse Ratlosigkeit zu mildern:

„Beethoven steht hier wieder an einem der Grenzpunkte, zu denen ihn sein Genie treiben musste, an denen aber doch der Widerspruch zwischen dem realen Ausdrucksvermögen der Kunst und den Absichten des Tondichters erkennbar sind … Beethoven stößt die Scheidemauern zwischen Kirche und Welt um. Soweit das Auge reicht, ist seine Kirche. Er errichtet seinen Altar im Mittelpunkt der Welt. Konfessionelle Schranken duldet er nicht.“

Nur Engel können rein musizieren …

In der gewaltigen Schwierigkeit, die Missa Solemnis zu bewältigen, waren wir uns einig. Herr Bekker wagte sogar die Behauptung, besonders das „Et vitam venturi saeculi“ betreffend: „Als Ganzes gehört das Stück zu denen, die sich einer realen Gestaltung im Grunde widersetzen und bei der Aufnahme durch das Ohr eher eine Einbuße, als eine Steigerung der Wirkung erfahren.“

Also bin ich hier doch ganz richtig, in einem ausgefallenen Konzert, das nur im Geiste stattfindet, dachte ich für mich.

„Nur Engel können rein musizieren“, meinte Herr Wiesengrund. Aber nur, falls Engel auch atmen können, überlegte ich, und es ging mir wieder jenes ganz bestimmte Missa-Gefühl auf, jener charakteristische, gedämpfte „groove“, jener dunkel-schwebende Strom, der die gesamte Missa sanftgewaltig durchzieht, einmal als feierliche Prozession, ein anderes Mal in finsterer Trauer, wie im „Passus“Ich wollte wissen, wie Beethoven das gemacht hat, und unternahm wieder einmal eine Reise durch die Partitur. Anders als auf der durchgetakteten Gruppenreise einer Aufführung kann man auf einer solchen Privatexkursion seine Aufenthalte beliebig ausdehnen und dabei vertiefende Beobachtungen machen …

Frank Reinecke liest seinen Beitrag „Missa Solemnis“. Teil 2/2 anhören:

Atem in Noten

Mit himmlischem Strahl, wie ein Sonnengruß, verdankt bereits der erste Anfang des Kyrie seine aufblühende, atmende Wirkung einer großen Hebung, einem übergebundenen, doppelten Auftakt, der alle Gefahr schweren Bombasts aufhebt. Die auflösende „Thesis“, der Volltakt, ist dagegen sanft und unbetont. Durch das gesamte Werk hindurch wird die Thesis, die Senkung, versteckt, wo es nur geht. Dies erscheint auffällig dort, wo die Perfectio erreicht ist: am Ende des Credo, denn hier endet auch die Darstellung der Zeit. Ansonsten, wo immer er kann, synkopiert Beethoven, überbindet – und erzielt so jenes charakteristische Strömen.

Vielleicht ist dies das geheime, nonverbale Thema dieser Messe? Die gesamte Missa steht gewissermaßen im Zeichen der Hebung, des Auftaktes, der „Arsis“: Das Aufsteigen, hier viel mehr als ein geistliches Symbol, sondern als allgegenwärtige physiologische und damit spirituelle Verwirklichung – eine Messe der anderen Art?

Credo

Der einzige „chronologische“, auf ein Ende hin komponierte Satz der Missa ist das Credo. Für die Darstellung der Passionsgeschichte verzichtet Beethoven, wie fast überall in der Missa, auf das Drama polyphoner Energiekomplexe aus thematisch-motivischer Arbeit: Er verzichtet damit sozusagen auf sich selbst, nämlich auf das, was er immer am besten konnte, und legt statt dessen zu aller Überraschung eine zu einem Gesamtstrom sich fügende Bilderfolge an, die im „Et incarnatus est“ ihre mystischste Verinnerlichung erfährt: eine mittelalterlich archaische Zweistimmigkeit in der strengen dorischen Tonart. Der Heilige Geist lässt sich im Nachtigallenruf erahnen. Die Nägel der Kreuzigung werden mit verstörender Deutlichkeit als messerscharfe (übergebundene!) Zweiunddreißigstel-Auftakte illustriert. Das „Sepultus est“ endet, lege artis, auf dem „Todeston“ G (so macht es auch Bach in der h-Moll-Messe). Aber dann geschieht etwas Ungeheuerliches: Das „Resurrexit“ beginnt nicht, wie in den meisten Messen, in der Lichttonart C-Dur oder im lebensbejahenden D-Dur, sondern verharrt insistierend auf dem Ton G – der nun kein Todeston mehr sein kann! T.S. Eliot könnte dazu nicht besser anmerken: „The end is where we start from!“


 

Notenbeispiel Credo Nägel Missa Solemnis

Dann das Energiezentrum der Missa: „Et vitam venturi saeculi“ – und zwar in doppelter Bedeutung. Im religiösen Sinne die Betonung des ewigen Lebens, im humanistisch-aufgeklärten Sinne die Beschwörung des Lebens künftiger Generationen auf dem Globus. Der Themenkopf, vier repetierte Noten, deren Prosodie als eine atmende, vierfache Hebung für sanften Auftrieb und stetige Vorwärtsbewegung sorgt. Beethovens wohl gewaltigste Fugenkonstruktion.

Im Credo erscheinen auch die ersten großen „Himmelsleitern“, ab dem „Consubstantialem patri, per quem Omnia facta sunt“. Dass es sich wohl um Himmelsleitern handelt, von denen die Missa so seltsam reich und zart durchzogen ist, beweist der Schluss des Credo. Hier endet nicht nur die Musik, sondern mit ihr die Zeit, mit dem „Et vitam“Thema, nunmehr rhythmisch moduliert als vierfache und damit hinreichend „endgültige“ Thesis. Subjekt und Objekt stehen in dialektischer Symmetrie einander gegenüber: Einerseits beobachtet man vom irdischen Staube aus, wie die Seele die Himmelsleiter emporsteigt, andererseits zeugt die abwärtsfallende Gegenbewegung vom subjektiven Erleben des Erlösten: die vergängliche Welt verschwindet in der Tiefe. Vom Ende der Zeit zeugt jene schauerliche Diminution, ein irrealer Zeitraffer, in den allerletzten Takten. Ein unerhörtes kompositorisches Kaleidoskop …

Paul Bekker bemerkte dazu: „Wäre Beethoven Wortdichter gewesen – er hätte ein neues Credo des Lebens schreiben müssen.“

„Seid umschlungen Millionen“ – oder – „Qui tollis“

Ich weiß nicht mehr, wann ich erwacht bin. Gegen 18 Uhr erklang wie jeden Abend draußen das Thema „Freude schöner Götterfunken“ aus einem geöffneten Fenster in unserer Nachbarschaft, von einem Trompeter gespielt, in hinreißend intonierter Schönheit. Manches Fenster öffnete sich, so wie manches Herz. Schillers „Ode an die Freude“ erlaubte Beethoven, einen Aufruf an eine namenlose Allgemeinheit zu riskieren („Seid umschlungen, Millionen“), im krassen Komplementärverhältnis zur innigen Ansprache an das „Du“ in der Missa: Möge es wieder zu Herzen gehen.

In seiner Neunten lässt Beethoven das Ungeheure geschehen: Aus der Musik bricht das Wort hervor. In demagogischem Habitus interveniert die menschliche Stimme: „O Freunde, nicht diese Töne“ – ein Evolutionsschritt, der die Neunte zum „Ever-Hit“ für Millionen qualifizierte. Mit seiner kurzen, akrobatischen Instrumentalfuge macht dieses Finale allerdings auch klar: Gemeinschaft ist Arbeit.

In der Missa Solemnis hingegen, der Rätselhaften, geschieht in dieser Hinsicht das Gegenteil. Als bahnbrechendes Vokalwerk weist sie bemerkenswerterweise keinen einzigen längeren Solo-Gesangsteil auf. Allerdings: Im Benedictus, der heiligsten Region der Missa, erklingt, nach dem heiteren Vorüberschwärmen lobpreisender Engelsscharen, eine der wundervollsten, himmlischsten Gesänge der Musikgeschichte überhaupt. Allerdings: nicht gesungen von der menschlichen Stimme, sondern von der Solo-Violine, vom Himmel hoch. Das Wort des Erlösers entzieht sich der Sprachebene, hell leuchtend, und wird ganz Musik.

Das Komplementärverhältnis zwischen der Missa und der Neunten versinnbildlicht sich an einer kompositorischen Merkwürdigkeit: die Textworte „Seid umschlungen, Millionen!“ der Neunten und das „Qui tollis“-Thema der Missa sind über einem analogen Thema komponiert.


 

Gloria-Thema der Missa Solemnis und Ausschnitt 9. Symphonie vierter Satz

Von Herzen

„Von Herzen – möge es – wieder – zu Herzen gehen.“

Warum setzte Beethoven diese Zeile gerade hier, über den Beginn eines seiner größten Werke? In ihrer unbestimmten Offenheit erscheint sie völlig ungewöhnlich innerhalb des Beethovenʼschen Schaffens, das ansonsten nur persönliche Widmungen an konkrete Personen kennt. War es dem Meister bange um die Akzeptanz des Riesenwerkes, der immerhin bis dato umfangreichsten Messekomposition überhaupt?

Ich und Du

Diese Widmung hat es in sich, legt sie doch eine bemerkenswerte Innenspannung an den Tag: Als gänzlich unbestimmte, allgemeine Zueignung formuliert, beschwört sie zugleich die innigste, persönlichste Beziehung zum einzelnen Hörer. Nicht an „Euch“, erst recht nicht an „Sie“, sondern an „Dich“ richtet sich Beethoven mit seiner Missa Solemnis. Du bist gemeint, du, ein Mensch venturi saeculi“, dessen Herz empfänglich für das sein „möge“, was ich dir sagen oder dich fragen möchte, was aber zu persönlich ist, als dass ich das „Wagnis der Öffentlichkeit“ auf mich zu nehmen bereit wäre.

Das Wörtchen „wieder“ suggeriert den einfachen Gedanken, dass wir mit unseren geöffneten Herzen einander gleichen. Als hätte Beethoven jenen Gedanken gedacht, den Hannah Arendt später so treffend nüchtern formulierte: „Das Wagnis der Öffentlichkeit ist nur möglich im Vertrauen auf die Menschen.“

So mir die Missa zu Herzen geht, mag ihr dies gelingen, weil sie nicht als Predigt daherkommt, auch nicht als eine des Humanisten Beethoven, sondern sie zieht mich ins Vertrauen für einen Mitvollzug polymorpher geistiger Bewegungen, mit all ihrer Dringlichkeit und Unruhe, ihren Unstetigkeiten, Rätseln und Infragestellungen. Dieses Vertrauen wurde gegenseitig. Ich vertraue mich der Missa an – in einer Zeit der Verunsicherung und Bedrückung.

Ein Spagat

Während die Missa einerseits auf sinnlicher, physischer Ebene den öffentlichen Plural einer riesigen Besetzung aus Solisten, Chor und Orchester entwirft, zieht sie sich andererseits im geistigen Sinne auf den privatesten Singular der puren menschlichen Existenz zurück. Aus bitterer Einsamkeit heraus beschwört Beethoven das erlösende „Du“, und so scheint sich seine persönliche Religion sehr einfach so zusammenfassen zu lassen: Gott ist die Liebe, und die Liebe ist Gott.

Beethoven im Homeoffice

Beethoven hatte keine Möglichkeit, seine Missa in voller akustischer Verwirklichung zu erleben. Seit seinem 32. Lebensjahr stand er angesichts seiner zunehmenden Taubheit vor dem Nichts. Zur Erinnerung, ein Blick in das „Heiligenstädter Testament“:

„Welche Demütigung wenn jemand neben mir stund und von weitem eine Flöte hörte und ich nichts hörte oder jemand den Hirten singen hörte, und ich auch nichts hörte: solche Ereignisse brachten mich nahe an Verzweiflung, es fehlte wenig, und ich endigte selbst mein Leben – nur sie die Kunst, sie hielt mich zurück. Ach es dünkte mir unmöglich, die Welt eher zu verlassen, bis ich das alles hervorgebracht wozu ich mich aufgelegt fühlte, und so fristete ich dieses elende Leben.“

Im ersten Lockdown der Coronakrise konnten die meisten von uns nur eine schwache Ahnung davon bekommen, was Isolation, wie sie Beethoven erleiden musste, wirklich bedeutet. Ein paar Wochen „Homeoffice“ reichen dafür nicht aus. Mit grausamer Wucht dagegen traf es allerdings diejenigen, die an Covid erkrankten und in Zeiten höchster Not, abgesondert auf der Intensivstation, keinen Kontakt zu ihren Liebsten haben durften. Wer symptomfrei blieb, hatte zumindest die Möglichkeit, sich seine Mitverantwortung bei der Kontrolle über das Virus bewusst zu machen.

Ein nicht stattgefundenes Konzert

Ein nicht stattgefundenes Konzert – als Symbol eines Wendepunktes, nach dem nichts mehr sein wird, wie es war. Wir haben unsere Zeit noch nicht verstanden, und die Bedrohung schwebt über uns.

In Zeiten der Bedrohung

Im Agnus Dei, kurz vor Ende der Missa, wo Beethovens „Bitte um äußeren und inneren Frieden“ des „Dona nobis pacem“ aus dem hochdramatisch auskomponierten Kriegsgedanken ihre furchtbare Rechtfertigung erfährt, mit Trompeten und Kriegstrommeln. Eine dialektische Ergänzung des Komponisten, denn der Messetext benennt einzig den Frieden. Der Kriegsgedanke selbst unterbricht zweimal das Gebet: das erste Mal mit einem panikartigen Rezitativ, in dem blankes Entsetzen und ohnmächtige Passivität herrschen, das zweite Mal mit einem höchst aktiven, wilden Orchesterzwischenspiel – Ausdruck leidenschaftlicher, trotziger Kampfeslust: Man kann sich auch verteidigen. Das „Dona nobis pacem“ kehrt zurück, nicht unähnlich der wiedergewonnenen Naturidylle nach dem Gewitter der Pastorale. Doch dem Frieden, den die Missa am Ende beschwört, ist kaum zu trauen. Kurz vor Ende des Riesenwerkes verstummen Sänger und Orchester für einen Augenblick, in der Ferne hört man bedrohlich die Pauke, die „Kriegstrommel“, auf dem Ton B, harmoniefremd und unvereinbar mit dem warmen D-Dur des beschwörenden Friedensgebets am Schluss der Missa.

Hochkultur oder Kunst?

Spätestens in dem Augenblick, wo sie fehlt, erscheint die Errungenschaft dessen, was wir „Hochkultur“ nennen, erst recht nicht mehr als Luxus. Gerade jetzt, wo einst Selbstverständliches existenziell in Frage gestellt ist und wir nach Möglichkeiten mentaler Zufluchten suchen. Dies alles gibt Anlass, eine spirituelle Notwendigkeit der Kunst anzunehmen. Mehr noch, die Kunst hätte sogar die Chance, wieder mehr zu sich selbst zurückzufinden, indem sie gerade in dieser unverstandenen Zeit als essenzielles Medium der Bewusstwerdung erkannt wird und sich so aus der Gefährdung der „Neutralisierung zum Kulturgut“ befreien kann, wie Herr Wiesengrund es nannte.

Das Dunkle

Wer weiß. Ich hatte für mich den Eindruck, zumindest etwas mehr von der Missa Solemnis verstanden zu haben, und ich habe den Herren Wiesengrund und Bekker ausdrücklich für ihre Einsichten gedankt. Zum Abschied flüsterte Professor Wiesengrund mir ins Ohr:

„Aber das Dunkle, als dunkel wahrgenommen, wird noch nicht ohne weiteres hell; verstehen, dass man etwas nicht versteht, ist der erste Schritt zum Verständnis, nicht das Verständnis selber.“


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