SPIEL UM DEIN LEBEN

Wenn du dich entschließt, Musiker oder Musikerin zu werden, stellt dir niemand die Frage, um die sich alles dreht. Dabei bist du der oder die einzige, die sie beantworten kann. Nur eben noch nicht jetzt. Die Frage lautet: Reicht das aus, was du mitbringst, um eine Chance zu haben? Musikalität ist angeboren, sicher. Talent kann man im Gehirn sehen, aber nicht nur da. Talent hat die Neigung, sich Bahn zu brechen. Talent ist nichts Leises, kein überirdischer Segen, sondern eine Haltung zur Welt: selbstbewusst und selbstverständlich, offen, neugierig, hungrig. Wenn du Talent hast, dann will es raus. Dann willst du raus damit. Aber das genügt ja noch nicht. Musikalität muss man erkennen und fördern, damit sie wächst und aufblüht. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sagen, wenn Eltern aus ihrem Kind einen Virtuosen machen wollen, müssen sie

damit vor dem siebten Lebensjahr anfangen. Es ist zum Glück aus der Mode gekommen, Kinder zu Musikern abzurichten; interessant ist die Erkenntnis trotzdem. Auch später kann aus dir noch eine tolle Musikerin werden. Aber die körperlichen Höchstleistungen, die Geschwindigkeit und die Ausdauer, die du brauchst, und die Leichtigkeit, mit der du Bewegungsabläufe lernst – all das erreichst du später nicht mehr. Das hat mit nichts mit deinem Körper zu tun, sondern mit deinem Kopf. »Metaplastizität« heißt der Begriff, den Hirnforscher verwenden, wenn sie über dieses Phänomen reden, er bedeutet nichts anderes als: Dein Gehirn muss relativ früh begreifen, wie man ein Musikinstrument lernt. Für die Verknüpfungen im Kopf, die für ein Musikerleben wichtig sind, gibt es bestimmte Zeitkorridore, sensitive Perioden, sagen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, in denen das Nervensystem Vernetzungen besonders gut und stabil anlegt. Der genaue Zeitpunkt, an dem sich der Korridor schließt, liegt bei jedem Menschen anders: manchmal schon bei sechs Jahren, manchmal erst mit acht. Und genauso wichtig, fast noch wichtiger, ist der Zuspruch. Denn deine Gene können so gut sein, wie sie wollen: Wenn dein Talent von deinen Eltern nicht entdeckt und gefördert wird, kann es sich nicht entwickeln. Wenn du Musiker oder Musikerin werden sollst, dann ist es nicht wichtig, dich ans Klavier zu setzen, sobald du sitzen kannst, mit dir zusammen zu üben und einen Steinway-Flügel anzuschaffen. Du musst spüren, dass deine Eltern deine Aktivitäten mögen, wahrnehmen – und ernst nehmen. Kaum ein Kind wird Musiker, wenn es nicht dazu ermutigt wird. Kleine Signale reichen schon aus. Nicht die Tür zu schließen, wenn du im Nebenzimmer übst, sondern sie zu öffnen, Interesse zu zeigen, dich nicht zu überfordern, zu unterfordern aber auch nicht. Am meisten motiviert bist du, wenn du spürst, dass du besser wirst. Momente, in denen du merkst, dass du das, was du hier gerade spielst, vor zwei Wochen noch nicht konntest. Das zu bemerken, bringt Befriedigung und Genugtuung, die du später nur noch hast, wenn du einen großen Wettbewerb gewinnst. Und das führt dazu, dass du von ganz allein mehr üben willst. Mit kleinen Signalen ist es dann aber doch nicht getan. Nach einer Studie der Hochschule für Musik in Hannover werden deine Eltern im Durchschnitt eine sechsstellige Summe investieren, bis du die Aufnahmeprüfung an der Musikhochschule bestanden haben wirst: in Unterricht, Instrumente, Fahrten, Bücher, Aufnahmen, Konzertkarten. Früher oder später wirst du mit Erwartungen konfrontiert. Es wird sofort jemanden geben, der dich mit Mozart vergleicht, jemand anders wird die Augenbrauen hochziehen, aus Erstaunen oder mit kritischem Blick. Du wirst beurteilt, von Anfang an, und immer wieder wirst du hören: Du willst Musikerin werden? Das wird nicht einfach. Wird es auch nicht. So hoch der Aufwand ist, so mühsam ist der Weg, da muss man ehrlich sein. Die gute Nachricht lautet aber: Du musst es nicht schaffen. Niemand muss Musikerin oder Musiker werden, wenn er nicht will. Viele Menschen werden Musikerinnen, aber weitaus mehr werden nicht Musiker, es wäre absurd zu glauben, dass sie alle todunglücklich sind und nicht wissen, was sie tun. Musik macht glücklich, das ist erwiesen. Ob du deinen Lebensunterhalt damit bestreitest oder nicht, hat damit nichts zu tun. Du kannst jeden Musiker und jede Musikerin fragen, die du triffst, sie alle werden dir sagen: Glückliche Musiker sind glücklich, weil sie viel Zeit mit Musik verbringen können. Und das kannst du auch, niemand wird dich aufhalten. Ob du ein Auskommen als Musikerin oder Musiker findest, ob du gut genug bist, das entscheiden immer andere. Gut möglich, dass es klappt, sicher ist es nicht. Ob du dein Leben mit Musik verbringst, ist allein deine Entscheidung. Völlig egal, was du machst, ob du Lehrerin wirst oder im Kirchenchor singst, ob du einmal im Jahr die Geige auspackst oder nur für dich jeden Morgen eine Stunde Klavier übst, ob du Physiker wirst, Medizinerin, Psychologe, Choreographin, Klavierstimmer, Geigenbauerin. Oder Kulturmanager, Journalistin, Intendant, Podcasterin, Influencer, Tontechnikerin, Physiker, Architektin, Konzertabonnent. Oder Mutter oder Vater eines Kinds, das jeden Abend in den Schlaf gesungen werden will. Es ist keine Existenz-, sondern eine Lebensfrage. Musik ist das Beste, was dir passieren kann. Du kannst ja in der Nähe bleiben.