ALLER ANFANG IST KINDERLEICHT

Ob du das Zeug zum Musiker hast, zeigt sich lange bevor du überhaupt weißt, was ein Musiker ist. Du ahnst schon, was Musik ist. Du nennst sie noch nicht so, denn du kannst noch nicht sprechen. Aber hören kannst du, und du wirst jeden Tag besser darin. Bald kannst du helle und dunkle Klänge unterscheiden, brillante und scharfe, du kannst einfache Melodien erkennen und simple Harmonien, und du bist davon endlos fasziniert.  Du hast es in den Genen. Wissenschaftler haben nachgewiesen, dass Kinder, aus denen später Profi -Musikerinnen und -Musiker werden, meist schon mit guten Voraussetzungen zur Welt gekommen sind: mit einer großen Neugierde für Klänge, guten Ohren und im Kopf überdurchschnittlich viel Platz für Musik. Das ist Glück, nichts anderes. Natürlich, du selbst verschwendest keinen Gedanken an die Zukunft, du bist vollauf damit beschäftigt, die Gegenwart zu erkunden: zu sehen, zu schmecken, zu riechen und zu tasten, aber vor allem zu hören. Das alles ist neu, denn du selbst bist noch neu. Kannst noch nicht laufen, noch nicht alleine essen, kannst dich noch nicht erinnern – auch nicht an daran, wie deine Mutter mit dir im Bauch redet, wie sie singt, wie sie Cello oder Flöte spielt. Geprägt hat es dich dennoch. Musikalität ist in der Bevölkerung gleichmäßig verteilt, das lässt sich wissenschaftlich gut belegen. Die meisten Musiker aber stammen aus Musikerfamilien, oder wenigstens aus solchen, in denen die Musik, wie auch immer, eine zentrale Rolle spielt. Damit du Musikerin werden kannst, braucht es mehr Personen als dich allein. Wenn deine Eltern mit dir singen, hat das lebenslang positive Auswirkungen auf dein Arbeitsgedächtnis. Wenn du vor dem siebten Geburtstag schon Klavier- oder Geigenstunden bekommst, wird der Teil deines Gehirns, der für das Hören und die Koordination der Hände zuständig ist, dein Leben lang kompakter und besser vernetzt sein. Deine Eltern können dich aber auch fördern, wie sie wollen: Wenn es ihnen nicht gelingt, deine Faszination zu wecken, wirst du bestimmt trotzdem ein glücklicher Mensch. Aber kein Musiker.  Das alles reflektierst du natürlich noch nicht. Und du vergleichst dich auch noch nicht mit anderen, das beginnt früh genug. Es zieht dich einfach zur Musik. Und du merkst nicht, dass das etwas Besonderes sein soll. Das ist das paradoxe Wesen von Talent: dass sich das außerordentliche Glück, sich zur Musikerin zu eignen, von innen so normal anfühlt. Du bist eine Ausnahme, aber du spürst nichts davon, zum Talent machen dich erst die, die keines haben. Es geht nicht darum, dass du es leichter haben wirst als andere. Es ist ja noch nicht einmal sicher, dass du es wagen wirst, dass es klappt und dass du überhaupt Lust darauf hast. Es heißt nur, dass es möglich wäre. Es wird schwer genug. Ein Wunderkind bist du nicht. Auch wenn dich sicher bald einer deiner Verwandten so nennen wird. Ein Wunderkind wie Mozart, der mit sechs Jahren schon auf Konzertreise ging und vorgeführt wurde wie ein seltenes Tier. Oder wie die vielen anderen Kinder, die von ihren Eltern zum Weltwunder erzogen wurden – kleine Musikmaschinen, die auf die Bühne gezerrt werden, als Zirkusnummer.  Du bist ein normales Kind, normal begabt; mit einem Wunder hat das hier nichts zu tun.

Aus Kinderliedern erschließt du dir von selbst, wie Musik funktioniert: dass es Regeln und Muster gibt, Strukturen und Wiederholungen, Tonhöhenverhältnisse und Harmonien. Das muss dir niemand erklären. Irgendwann hörst du zum ersten Mal klassische Musik. Kann sein, dass dir das jemand erklären muss. Aber gefesselt bist du von ganz allein. Dann frisst du dich einmal durch die Musikgeschichte, findest ein paar Schätze im Plattenschrank deiner Eltern und andere auf Youtube und Spotify, hörst alle großen Werke zum ersten Mal. Und dann kommt der wirklich entscheidende Moment, später wirst du immer wieder davon erzählen. Vielleicht siehst du eines Tages auf dem Konzertpodium eine Frau, die Flöte spielt. Vielleicht spielt dein Vater Horn im Symphonieorchester oder er ist Trompeter in einer Blaskapelle. Vielleicht nehmen dich deine Eltern mit in ein Orchesterkonzert, und nach dem Konzert trommeln die Schlagzeuger mit den Kindern der Besucher, und du bist Feuer und Flamme. Vielleicht kommt eines Tages ein Mädchen in deine Grundschulklasse und spielt Geige, und du willst sein wie sie. Vielleicht ist deine Mutter Sängerin und dein Vater Dirigent an der Rigaer Oper. Vielleicht siehst du eine Harfe, und gehst deiner Mutter eineinhalb Jahre lang auf die Nerven, weil du auch eine willst. Vielleicht setzt du dir in den Kopf, Horn spielen zu wollen, und feuerst jeden Milchzahn einzeln an, endlich auszufallen und Platz zu machen für die echten Zähne, vorher macht es keinen Sinn. Vielleicht steht in eurem Wohnzimmer eine Trompete, zur Zierde, und du bläst so lange darauf herum, bis deine Eltern nachgeben und dich zum Unterricht schicken. Planen kann man den Moment nicht, nur ermöglichen – und wahrscheinlicher machen.