»Ich hatte mich so lange darauf gefreut, Geige zu lernen«

Education 2018 Violine

Als ein Mädchen in die Schulklasse von Marije Grevink kam und Geige vorspielte, stand für sie fest: Sie wollte das unbedingt auch können. Aus heutiger Sicht: eine goldrichtige Idee. Von Florian Zinnecker.

»Wir waren zu sechst in der Gruppe. In der ersten Stunde lagen sechs kleine Geigenkästen auf sechs kleinen Stühlen, einige Instrumente waren sehr ramponiert, wie das eben so ist bei Leihgeigen, andere sahen aus wie neu. Ich hatte direkt eine Geige im Blick, die ich sehr schön fand, und habe mich so hingestellt, dass ich sie auch tatsächlich bekomme. Dann mussten wir die Geige oben an der Schnecke festhalten, unter dem Kinn festklemmen und im Gänsemarsch durch die ganze Musikschule laufen. Danach haben wir den Bogen in die Hand bekommen – und der Lehrer hat mit einem dicken Filzstift die neuralgischen Stellen in der Hand markiert, mit denen man den Bogen hält. So richtig mit dicken schwarzen Strichen. Ich war total entsetzt, denn zu Hause durfte ich das natürlich nicht.

Das waren die ersten Minuten mit der Geige. Ich hatte mich lange darauf gefreut, ich wollte so gerne Geige lernen – weil in die Grundschule, die ich damals besuchte, regelmäßig Musiker kamen und ihre Instrumente vorstellten. Und eines Tages kam ein älteres Mädchen und spielte Geige. Das war entscheidend: Dass es nicht die Lehrer waren oder die Eltern, die das vorschlugen, sondern dass uns echte Begeisterung vermittelt wurde. Das geht nur so, im Dialog; einfach einen Film zu zeigen würde nicht reichen. Ich war nicht die einzige, die daraufhin Geige lernen wollte, kann sein, dass es auch eine Art Gruppendynamik gab, und ich wollte natürlich unbedingt so sein wie das Mädchen, das Geige gespielt hatte.

In unserer Sechsergruppe ging das Niveau sehr schnell auseinander, ich kam gut und schnell voran, es fühlte sich überhaupt nicht nach Arbeit und Mühe an. Ich war eher froh um jedes neue Stück, das ich lernen durfte. Aber auch wenn es sich nicht nach Arbeit anfühlte: Um wirklich gut zu werden, ist trotzdem viel Aufwand nötig, viel Disziplin. Und das ist nicht alles. Wichtig ist, zu wissen, was man erreichen möchte, wie man klingen will. Das ist schwer, damit kämpfen wir auch heute noch – eine präzise Erwartung zu haben, eine Phrase vorzuhören und den Klang dann wahr werden zu lassen. Und auch die Technik ist wichtig: eine Bogenführung, die es ermöglicht, Töne organisch zu gestalten, ohne dass es kratzt. Gerade Anfänger kämpfen ja damit, dass es furchtbar kratzt, weil sie mit zu viel Druck spielen. Und eine saubere Intonation – wenn ich sauber spiele, klingen alle Obertöne mit, wenn ich nicht sauber spiele, kann das Instrument nicht optimal schwingen und klingt dumpf.

An dem Tag, als wir uns die Leihinstrumente aussuchen durften, war ich acht. Theoretisch kann man schon mit vier Jahren anfangen, es gibt winzige Kinderinstrumente, 1/32-Geigen. Die klingen nicht besonders gut, aber es geht.

Was die beste Phase in einer Karriere ist, lässt sich schwer sagen. Wenn man von der Hochschule kommt, steht man voll im Saft, ist technisch fit und spielt hervorragend. Man steht aber auch unter enormem Druck, weil man andauernd vorspielen muss – bei Probespielen für Orchesterstellen und Meisterkurse. Den Druck nimmt man in diesem Moment gar nicht so sehr wahr, ich habe die Anstrengung erst im Nachhinein bemerkt. Damals hatte ich viele kleine Beschwerden, heute fast nicht mehr.

Heute bin ich angekommen – und darüber bin ich sehr froh. Die Arbeit hier im Orchester ist für mich das Höchste, was es gibt – und ich habe in dem, was ich mache, Erfahrung. Ich muss nicht mehr jede Woche neue Stücke lernen, manche Werke spiele ich zum dritten Mal. Das heißt nicht, dass ich in Routine verfalle, sondern, dass ich mich musikalisch weiterentwickeln kann, weil ich einen ganz anderen Blick auf die Musik habe. Das hilft mir auch technisch. Natürlich müsste ich heute, wenn ich ein Solokonzert spielen würde, mehr arbeiten und auch kämpfen als früher. Aber das nehme ich gern hin, das finde ich auch nicht schlimm. Die Erfahrung ist mir mehr wert. Und mit der Erfahrung steigert sich auch der Spaßfaktor.«

Marije Grevink (c) Astrid Ackermann