»Mit der Klarinette war es immer ein kleiner Kampf«

Education 2018 Klarinette

Als Kind wollte Bettina Faiss eigentlich Trompete lernen, ihr heutiges Instrument verlangte ihr vor allem Hartnäckigkeit ab. Heute sagt sie: Musikmachen macht mich glücklich. Das Interview führte Florian Zinnecker.

Wie kamen Sie auf die Idee, Klarinette zu spielen?
Bettina Faiss: Ich wollte eigentlich Trompete lernen. Meine Eltern haben meine zwei Schwestern und mich mit sechs Jahren zur Musikschule angemeldet, dort begann der typische Werdegang: ein Jahr musikalische Früherziehung, dann zwei Jahre Blockflöte. Mein Lehrer war ein hochqualifizierter Klarinettist aus Rumänien, der natürlich großes Interesse hatte, bald mehr Klarinetten- als Flötenschüler zu unterrichten. Er schlug mir vor, Klarinette zu lernen. Und da ich fand, dass das Unterstück ganz ähnlich aussah wie bei einer Trompete, schien mir das in Ordnung zu gehen.

War der Schallbecher das einzige, das Sie interessiert hat?
Eine Klarinette sieht natürlich sowieso toll aus: mit all den Klappen und den komplizierten Verläufen, die diese Klappen nehmen. Das hat mich fasziniert. Aber ich fand es relativ mühsam, einen Ton rauszubekommen.

Wie geht das?
Es ist jedenfalls nicht so, dass man reinbläst und sofort ein schöner Ton entsteht. Am Mundstück ist ein Blättchen aus Bambusholz befestigt, das die Luft in Schwingung versetzt. Das Blatt braucht einen bestimmten Widerstand, ist sehr anfällig für Witterungseinflüsse und geht auch schnell kaputt. Als Schülerin hatte ich immer wieder mit unüberwindbar scheinenden Schwierigkeiten zu tun, die in der Woche zwischen zwei Unterrichtsstunden aufgetaucht sind. Weil das Blatt kaputt war oder falsch befestigt, oder weil mir nicht mehr eingefallen ist, welcher Finger welche Klappe bedienen muss (lacht).

Hat Ihnen Klarinette spielen damals Spaß gemacht?
Ich kann mich erinnern, dass es schon ein sehr langes Durchbeißen war, bis es mir wirklich Spaß gemacht hat. Im Nachhinein wundere ich mich fast ein bisschen, dass ich überhaupt so lange durchgehalten habe. Da standen auch meine Eltern dahinter, die mir klargemacht hatten: Wenn man etwas Neues anfängt, dann muss man es auch erstmal durchziehen. Eine Schwierigkeit war auch, dass ich sehr dünne Finger hatte und dadurch die Löcher nicht gut abdecken konnte. Die Klarinette hat ja aber die unangenehme Eigenschaft zu kieksen, wenn man einen Ton nicht gut erwischt. Ich kann mich erinnern, dass ich mich regelrecht davor gefürchtet habe, dass gleich wieder so ein schrecklicher Quietschton rauskommt.

Womit fängt man überhaupt an? Erst mit einer Klappe spielen, dann mit einer zweiten?
Es beginnt sinnvollerweise damit, dass man einzelne Töne lange aushält, mit viel Luft, um ein Gefühl dafür zu bekommen, wie viel Lippenspannung man braucht, was im Mundraum so los ist und wie man die Luft führen muss. Erst wenn das einigermaßen funktioniert, macht es Sinn, die Fingertechnik zu üben. Kinderinstrumente haben ein paar Klappen weniger als die Instrumente, die ich heute spiele. Mit zusätzlichen Klappen bekommt man mehr Griffmöglichkeiten und eine Verbesserung der Intonation. Aber es ist wie bei einem Auto: Wenn man viele Hebel und Knöpfe am Armaturenbrett hat, dauert es einige Zeit, bis man verinnerlicht hat, was wofür gut ist.

Wann hat es begonnen, Spaß zu machen?
Immer dann, wenn ein kleiner Erfolg spürbar war – ich habe von Natur aus einen gewissen Ehrgeiz; wenn ich etwas ausprobiere, will ich das auch können und sehe gar nicht ein, warum es nicht gehen sollte. Und wirklich Spaß hat es gemacht, sobald ich mit anderen zusammenspielen konnte: als Klarinettenduo, -trio und bald auch in verschiedenen Schulorchestern. Das klang dann endlich nach richtiger Musik und viel schöner, als wenn ich alleine spielte. Vor allem die ersten Erfahrungen im Symphonieorchester der Musikschule waren geradezu berauschend. Da war dann auch nicht mehr die Frage: Höre ich wieder auf?

Wenn Sie heute üben: Was machen Sie?
Mir ist immer wichtig, ein gutes Körpergefühl zu finden und einen guten Kontakt zum Instrument, wie ein Sportler, der sich aufwärmt. Dann geht es um eine gute Luftführung und Resonanz. Ich übe Legato, Staccato und die Geläufigkeit der Finger, um fit zu bleiben. Wenn ich neue Stücke lernen muss, ist es nötig erst einmal viele Noten zu lesen – wir sagen dazu: »Noten fressen«. Man muss die Stücke in die Finger kriegen und in den Kopf. Gleichzeitig versuche ich aber auch, die Idee des Komponisten zu erfassen, suche nach dem richtigen Ausdruck und dem richtigen Klang. Das kann ganz simpel sein oder ein langer Weg.

Wie viel Zeit verbringen Sie mit dem Instrument?
Zwischen null und zehn Stunden am Tag, je nachdem, was gerade ansteht und wie viel Vorbereitung dafür nötig ist. Außerdem hängt es davon ab, ob ich Orchesterdienst habe und was das Leben drumherum an familiären und sonstigen Verpflichtungen bereithält.

Was ist die Klarinette heute für Sie: ein Arbeitsgerät? Oder mehr?
Die Klarinette ist ein Mittel, ein Medium für mich, um Musik zu machen, Emotionen aller Schattierungen in Klang umzusetzen, letztendlich auch, um mich auf einer anderen Ebene als mittels Sprache auszudrücken. Dass es aber ausgerechnet dieses Instrument geworden ist, ist Zufall. Ich würde sagen, es ist sogar eine Art Hassliebe, denn die Klarinette macht es einem nicht besonders leicht, finde ich. Ich habe mich als Kind vor dem Klarinetteüben immer erstmal ans Klavier gesetzt. Das erschien mir einfacher, denn es klang vom ersten Moment an schön. Mit der Klarinette war es immer ein kleiner Kampf. Sie klingt schnell so unangenehm, das finde ich auch immer noch. Heute ist es kein Kampf mehr, aber es hört auch nie auf, Arbeit zu machen. Wenn ich zum Beispiel nach dem Sommerurlaub wieder ans Instrument gehe, dann weiß ich: Es kommt wieder, aber es kann sein, dass es erstmal ein paar Tage lang nicht nach
professionellem Musizieren klingt.

Bei all der Arbeit und allem Druck: Macht Ihnen Klarinette spielen heute Spaß?
Unbedingt! Es hört nicht auf, Freude zu machen, im Gegenteil. Ich finde es sehr schön, heute auf dem Stand zu sein, auf dem ich bin, und von dort aus weiterzusuchen. Es macht mir Spaß, mich mit der Klarinette, aber vor allem mit Musik zu beschäftigen. Musikmachen macht mich glücklich.

Faiss (c) Astrid Ackermann