BRSO hautnah

Benjamin Schwartz

Der Leiter der künstlerischen Planung des Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks im Gespräch über seinen Berufsalltag, sein erstes Treffen mit Mariss Jansons und Herausforderungen der Konzertplanung.

Ben Schwartz (c) Astrid Ackermann

Seit Januar 2017 arbeitest Du beim Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks als Leiter der künstlerischen Planung. Gibt es für diese Aufgaben eine spezielle Studienrichtung?

Ich persönlich habe nichts in dieser Richtung studiert, sondern bin in meine Aufgaben über die Jahre hineingewachsen. Ich habe eigentlich Cello und Literatur studiert, war dann für ein Austauschjahr in Frankreich und habe schließlich meine Studien in Amerika abgeschlossen. Mit 22 Jahren bin ich dann nach Wien gegangen. Zuvor, nach Abschluss meines Studiums, habe ich jedoch erst einmal sechs Monate bei einem Reiseveranstalter in Frankreich gejobbt: „Châteaux Bike Tours“, das waren Luxus Fahrradtouren und ich war wochenlang in der Provence auf dem Fahrrad unterwegs. Ich habe die Pause für mich genutzt, weil ich noch nicht wusste in welche Richtung in gehen sollte: Literatur oder Musik. In dieser Zeit habe ich auch wirklich überhaupt keine Musik gemacht, was mir dann nach Abschluss der sechs Monate auch sehr gefehlt hat. Also hab ich beschlossen nach Wien zu gehen, dort einen Deutschkurs zu machen und viele Konzerte zu besuchen. In Wien habe ich auch endlich wieder angefangen Cello zu üben und im Folgejahr nach bestandener Aufnahmeprüfung mit dem Studium begonnen. Nach meinem Abschluss und einem Aufbaustudium in Boston habe ich mich dann auf Kammermusik konzentriert und auch viel Neue Musik gespielt. Ich war Mitglied eines fixen Ensembles und schon damals involviert in die Organisation und Planung unserer Konzerte. Dadurch knüpfte ich erste Kontakte zum Boston Symphony Orchestra und da man dort jemanden mit Sprachkenntnissen und Interesse für Neue Musik suchte, kam ich zu meinem jetzigen Beruf. In Boston war ich noch nebenbei als Cellist unterwegs, aber nach acht Jahren Boston ging es für drei Jahre nach Australien zum Sydney Symphony Orchestra, um dort mit Chefdirigent David Robertson zu arbeiten. Und jetzt bin ich hier!

Und wie wurde man in München auf Dich aufmerksam?

Der Kontakt kam durch das Ehepaar Haitink zustande, die ich bereits aus meiner Zeit in Boston kannte. So wie ich das verstanden habe, hat Nikolaus Pont (Manager des BRSO) mit Bernard und dessen Frau Patricia über diese Stelle gesprochen und gefragt, ob sie jemanden empfehlen könnten. Sie haben dann meinen Namen weitergegeben, worauf Niko mit mir Kontakt aufnahm.

Ich hatte sowieso schon eine Reise nach Europa geplant, so stand einem ersten Kennenlernen mit Nikolaus Pont nichts mehr im Weg. Zu einem ersten Treffen mit Jansons mussten wir allerdings nach Sardinien fliegen, wo der Maestro gerade Urlaub machte. Das waren wirklich ein paar intensive Tage! Und ich war noch so gebeutelt vom Jetlag, weil ich ja gerade erst aus Sydney gekommen war! Das Treffen war jedoch enorm wichtig, da man sich in meiner Position gut mit dem Chefdirigenten verstehen muss, sonst geht das nicht. Zum Glück stimmte die Chemie zwischen uns sofort! Dass ich jetzt mit Maestro Jansons und diesem Orchester arbeiten darf, ist für mich fast immer noch unvorstellbar!

Anton Barakhovsky & Ben Schwartz (c) Astrid Ackermann

Was gehört hier beim BRSO zu Deinem Tätigkeitsfeld?

Generell gesagt besteht meine Arbeit darin, Konzertprogramme und ganze Spielzeiten zusammenzustellen. Die Planung beginnt bei den Dirigenten. Das Orchester hat Beziehungen zu vielen erstklassigen Dirigenten, die mit einem großen Spektrum an Repertoire arbeiten. Von Bernard Haitink, der schon seit 60 Jahren eine Beziehung zum Orchester hat, und Herbert Blomstedt, bis hin zu Lahav Shani, der noch nicht einmal 30 Jahre alt ist. Dazu kommen noch Dirigenten wie Giovanni Antonini, Emanuelle Haïm oder John Eliot Gardiner, die einerseits sehr viel Erfahrung mit eigenen Ensembles auf dem Gebiet historischer Aufführungspraxis haben, die aber auch regelmäßig mit großen Symphonieorchestern arbeiten. Mit diesen Dirigenten versuchen wir eine möglichst breite und interessante Saison zusammenzustellen, die sowohl für das Publikum, als auch für das Orchester spannend ist. Die Musiker haben immer wieder Lust auf neue Herausforderungen. Das kann neues Repertoire sein, aber auch eine komplett neue Interpretation.

Danach geht es um die Solisten eines Programmes. Meistens haben die Dirigenten eigene Beziehungen zu Solisten, mit denen sie besonders gern zusammenarbeiten. Herrn Haitink würde ich natürlich immer zuerst fragen, mit welchem Solisten er beispielsweise gerne ein Schumann Konzert aufführen würde. Bei jüngeren Dirigenten kommen dafür häufiger Vorschläge von meiner Seite.

Als Leiter der Künstlerischen Planung im Orchester bist Du sicher auch immer auf der Suche nach neuen Talenten?

Klar bin ich auch immer wieder unterwegs, um mir Künstler anzuhören. In der letzten Woche war ich in vier Konzerten. Früher als Student in Wien ging ich sogar viel häufiger in Konzerte. Ich bin in South Bend in Indiana aufgewachsen. Dort gibt es zwar auch ein recht gutes Orchester, allerdings spielen sie nur vier Programme pro Jahr. Bevor ich nach Wien kam hatte ich also noch nie eine Beethoven-Symphonie, gespielt von einem Weltklasse-Orchester, gehört. Das musste ich natürlich alles nachholen. Und heute gehe ich eben gezielter vor: Wenn ich einen neuen Dirigenten hören möchte oder ein neues Stück, dann gehe ich ins Konzert.

Ist es schwierig, junge unverbrauchte Talente zu finden, die dennoch genug Erfahrung mitbringen, um mit einem Orchester wie dem BRSO zu spielen?

Es ist auf jeden Fall eine Sache der richtigen Balance. Es gibt schon ein paar Beispiele, gerade aus meinem aktuellen Alltag. Leider kann ich darüber noch nicht sprechen, denn die Verhandlungen laufen noch. Die ganze Sache ist natürlich nicht ganz einfach. Es gibt ganz tolle, junge, eher unbekannte Pianisten, die schon mit sehr großen Orchestern in Amerika arbeiten, dafür in Deutschland nahezu unbekannt sind. Wiederum gibt es auch viele europäische Pianisten, die hörenswert sind. Die Frage ist also: Muss ich zwangsläufig einen Künstler von weit her holen, wenn hier die Auswahl so groß ist? Natürlich ist es unsere Aufgabe, neue Leute zu finden. Auf der anderen Seite freuen wir uns aber auch sehr, wenn zum Beispiel ein beliebter Pianist wie Emmanuel Ax regelmäßig zu uns kommt.

Ein wichtiger Teil Deiner Arbeit besteht sicherlich darin, gute Kontakte zu Musikern und Agenten zu halten und über die Szene informiert zu sein.

Genau! Ich habe natürlich noch eine sehr enge Verbindung in die Musikszene meiner Heimat und auch nach Australien, wo ich noch im letzten Jahr gearbeitet hatte. Um gut informiert zu sein, lese ich zum Beispiel auch immer wieder Kritiken.

Kann man sich wirklich auf Kritiken verlassen?

Nur dann, wenn ich die Kritiker kenne und weiß, dass sie konsequent in ihren Meinungen sind. Von den meisten kenne ich den Hintergrund, ihren Geschmack und weiß, wie sie Konzerte beurteilen, die ich selbst live gehört habe. Selbstverständlich würde ich niemals auf Basis einer guten oder schlechten Kritik eine Entscheidung treffen. Trotzdem kann man so einen Überblick über die Musikwelt halten.

Kannst Du einen typischen Arbeitstag beschreiben?

Das ist nicht leicht, denn jede Woche und jedes Projekt bietet andere Herausforderungen. Eine Woche mit Mariss Jansons zum Beispiel ist immer besonders kompakt. Als Chefdirigent ist er stark in die Planung der Saison involviert – was seine eigenen Konzerte betrifft, aber auch die anderen Projekte interessieren ihn sehr. Wenn er in München ist, gibt es mindestens einen Tag, an dem wir zusammensitzen – meistens am Abend – um die Spielzeiten, Programme und Tourneen durchzusprechen. Das kann dann auch mal bis zu fünf Stunden dauern. Wir diskutieren die laufende Saison, planen aber momentan auch schon bis zur Spielzeit 2020/21. Herr Jansons lässt sich alles sehr detailliert erklären und möchte alle Abläufe genau verstehen. Er ist sehr interessiert. Dadurch dauern solche Besprechungen natürlich länger, dafür hat er aber auch ein wirklich grundlegendes Verständnis aller Planungsprozesse. Das finde ich sehr gut. Außerdem genießen wir die Zeit mit ihm sehr, auch wenn es etwas später wird (lacht).

Gibt es denn schon ein Highlight der kommenden Saison, das Du verraten kannst?

Leider kann ich, die Saison 2018/19 betreffend, noch nicht weiter ins Detail gehen. Nur eines, was die aktuelle Saison angeht, darf ich schon verraten: Die Südamerika-Tournee im Mai 2018 wurde abgesagt. Dafür gastiert das Orchester jetzt in Riga, Helsinki, Moskau und St. Petersburg, wobei die Programme noch nicht vollständig feststehen. Die Carnegie-Hall-Konzerte in New York bleiben nach wie vor, aber danach fliegen wir gleich wieder zurück nach München. Jetzt müssen wir eben noch planen, wie viel Probenzeit wir danach für Osteuropa benötigen, da das Programm von dem in New York abweicht. Eine weitere Frage ist, ob das Programm für alle vier Konzerte gleich bleibt, oder ob wir lieber ein alternierendes Programm spielen. Das sind alles Entscheidungen, die mit den Veranstaltern und dem Chefdirigenten abgesprochen werden müssen, um möglichst schnell vertragliche Details ausarbeiten zu können.

 

Was gefällt Dir an Deiner Arbeit am besten?

Am glücklichsten bin ich, wenn ich ein Konzertprogramm geplant habe und dann im Konzert sitze und merke, dass es richtig gut läuft. Wenn der Saal voll ist, das Orchester gut spielt und das Publikum sich freut. Wir haben auch richtig persönliche, enge Beziehungen zu manchen Künstlern und es ist mir jedes Mal eine große Freude, mit diesen inspirierenden Persönlichkeiten zu arbeiten. Für mich fühlt sich das nach wie vor an wie ein Traum: Ich arbeite mit Künstlern, die ich schon von Kindheit an verehre.