Mariss Jansons

Mariss Jansons trat 2003 als Wunschkandidat aller Orchestermusiker die Leitung des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks an. Damit setzte wieder ein Großer seiner Zunft die prominente Reihe der Chefdirigenten fort und führt das Orchester weiter weltweit zu Erfolgen. Den sehr speziellen warmen Klang des Orchesters formte einst Rafael Kubelík, Lorin Maazel schulte es in technischer Präzision, Mariss Jansons lässt beide Komponenten miteinander verschmelzen und hebt die klangliche Identität auf eine neue Ebene. Durch ihn ist das Orchester noch einmal über sich hinausgewachsen. “Das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks ist nicht nur brillant – es hat keinerlei Schwächen. Die Musiker sind ungeheuer enthusiastisch und spontan, sie spielen jedes Konzert so, als wäre es ihr letztes. Sie geben alles, mehr als 100 Prozent. Für mich als Dirigent ist es so, als würde ich einen Rolls-Royce fahren. Dieses Orchester kann einfach alles“, sagt Mariss Jansons.

Der lettische Dirigent ist stark geprägt vom emotionalen russischen Musizierstil, voller Hingabe in der Kunst – persönlich hingegen bescheiden und fernab von Starallüren. Die Musiker sind von ihm begeistert: “Mariss Jansons ist für mich ein Phänomen: Er dirigiert schon so lange, aber am Pult brennt er vor Leidenschaft wie am ersten Tag. Jansons ist ein tiefernster Musiker, der es schafft, dass bei ihm immer der Funke überspringt”, schwärmt der Geiger Wolfgang Gieron.

Stationen eines Traumberufs

Mariss Jansons kam 1943 in der lettischen Hauptstadt Riga zu Welt. Sein Vater Arvīds war ein bekannter Dirigent, die Mutter Iraida Sängerin. Mariss‘ Zuhause war das Opernhaus, wo die Eltern arbeiteten. Schon als Dreijähriger kannte er die Ballette und Opern auswendig. Er arrangierte Knöpfe, denen er verschiedene Orchester-Rollen zuwies, und spielte anschließend Dirigieren. Sein Vater unterstützte ihn später dabei, seinen Berufswunsch Dirigent zu verwirklichen.

Die Familie zog bald nach Leningrad, wo Arvīds Jansons eine Stelle bei den Leningrader Philharmoniker innehatte. Dort studierte Mariss Jansons Violine, Klavier und Orchesterleitung. Dank eines Austauschprogramms konnte er 1969 durch den Eisernen Vorhang schlüpfen und kam nach Wien. “Es war, wie wenn ich ins Paradies gekommen wäre”, sagt Jansons. Er sog in der Musikstadt an Kunst und Kultur auf, was ihm in seiner Heimat nicht geboten war.

Perfektionieren der Kunst

An der Wiener Musikhochschule studierte er bei Hans Swarowsky. Bald holte Herbert von Karajan das junge Talent zu sich und förderte es. Als besonders prägend erwies sich jedoch Jansons’ Lehrer in der Heimat: Jewgenij Mrawinskij, die größte Dirigentenlegende der Sowjetunion.

Als Mrawinskijs Assistent startete Jansons 1971 die Dirigentenkarriere bei den Leningrader – später St. Petersburger – Philharmonikern. Zeitgleich bekam er eine Professur für Dirigieren am Leningrader Konservatorium. 1979 erreichte ihn der Ruf nach Oslo, seiner ersten festen Station im Westen. In den folgenden 21 Jahren baute er das Osloer Symphonieorchester auf und formte es zu einem internationalen Spitzenorchester. 1997 trat er zusätzlich die Nachfolge Lorin Maazels beim Pittsburgh Symphony Orchestra an.

Väterlicher Chef

2003 übernahm er abermals eine Position Maazels, als er zum Chefdirigenten von Chor und Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks ernannt wurde. Zusätzlich zu dieser Aufgabe leitete er seit 2004 das Koninklijk Concertgebouworkest in Amsterdam (bis 2015). Er arbeite „200-prozentig und kümmere sich wie ein Vater, der seine beiden Söhne liebe“.  Sein Vertrag bei Chor und Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks wird nun für weitere drei Jahre bis  2021 verlängert.

Zur Eröffnung der Fußball-WM 2006 in München beteiligte er sich an dem großen Event mit Plácido Domingo, Lang Lang und den drei Münchner Spitzenorchestern, die unter ihren jeweiligen Chefdirigenten im Olympiastadion spielten. Ein besonderes Erlebnis war 2007 ein Gastspiel mit Chor und Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks vor Papst Benedikt XVI. im Vatikan mit Beethovens Neunter Symphonie.

Mariss Jansons arbeitet als Gastdirigent mit vielen bedeutenden Orchestern der Welt zusammen. Nach 2006 und 2012 hat er 2016 zum dritten Mal das berühmte Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker dirigiert. In Japan, wo er ebenso regelmäßig auftritt, wird er gefeiert wie ein Popstar.

Junge Menschen an die klassische Musik heranzuführen, dafür setzt sich Jansons mit viel Engagement ein. Damit sind nicht nur die jungen Musiktalente gemeint, die in der Orchesterakademie des Bayerischen Rundfunks auf den Beruf eines Orchestermusikers vorbereitet werden. Vielmehr sollen Kinder und Jugendliche Gelegenheit bekommen, die “Musik zunächst fühlen, dann lieben und danach verstehen zu lernen”, so Jansons, die geistige Entwicklung durch Kunst und Musik mache doch einen wesentlichen Teil des Menschseins aus.

Ausblick

Nicht nur unter Kennern herrscht die Meinung, Mariss Jansons stünde zusammen mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks bereits ganz oben. Allein dieses Niveau zu halten, löst natürlich Druck aus. Eine Lösung sieht der Dirigent darin, stets das Repertoire zu erweitern. Daher werden demnächst bislang wenig beachtete Werke französischer Impressionisten sowie Zeitgenössisches auf dem Programm stehen. Und was den Chefdirigenten schon seit Jahren umtreibt: ein neuer akustisch erstklassiger Konzertsaal, der nicht nur dem Symphonieorchester endlich ein Zuhause bieten möge, sondern eine Attraktion für Musikschaffende aus aller Welt bedeute und natürlich dem Publikum

Preise UND ANERKENNUNGEN

Mariss Jansons ist Ehrenmitglied der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien sowie der Royal Academy of Music in London. Für seinen Einsatz bei den Osloer Philharmonikern wurde ihm der Königliche Norwegische Verdienstorden verliehen. 2003 erhielt er die Hans-von-Bülow-Medaille der Berliner Philharmoniker, 2004 ehrte ihn die Londoner Royal Philharmonic Society als “Conductor of the Year”, 2006 erklärte ihn die MIDEM zum “Artist of the Year”, außerdem bekam er den Orden “Drei Sterne” der Republik Lettland. Im selben Jahr erhielt er für die 13. Symphonie von Schostakowitsch mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks den Grammy in der Kategorie “Beste Orchesterdarbietung”. Mit dem ECHO Klassik wurde Mariss Jansons 2007 als “Dirigent des Jahres”, 2008 für die Einspielung von Werken von Bartók und Ravel sowie 2010 für die Aufnahme von Bruckners Siebter Symphonie geehrt. Ebenso 2008 platzierte eine Umfrage der Musikzeitschrift “Grammophone” die beiden von Mariss Jansons geleiteten Klangkörper unter den zehn besten Orchestern der Welt: das Koninklijk Concertgebouworkest in Amsterdam auf Platz 1 und das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks auf Platz 6. 2009 erfolgte die Verleihung des Österreichischen Ehrenkreuzes für Wissenschaft und Kunst, 2010 die des Bayerischen Maximiliansordens. Für sein dirigentisches Lebenswerk wurde ihm 2013 der renommierte Ernst von Siemens Musikpreis verliehen. Im selben Jahr überreichte ihm Bundespräsident Joachim Gauck in Berlin das Große Bundesverdienstkreuz mit Stern, außerdem wurde ihm der Titel „Ritter des Ordens des Niederländischen Löwen“ von der Holländischen Ministerin für Bildung, Kultur und Wissenschaften für seine Verdienste um das kulturelle Musikleben der Niederlande verliehen. Im Februar 2015 ernannte ihn das Koninklijk Concertgebouworkest zu seinem Ehrendirigenten. Im selben Monat wurde ihm die höchste kulturelle Auszeichnung Frankreichs erteilt: Das Ministerium für Kultur der Französischen Republik ernannte Mariss Jansons zum „Commandeur des Arts et des Lettres“. Für sein Lebenswerk wurde Mariss Jansons im März 2015 mit dem „Latvian Great Music Award“  geehrt, der wichtigsten künstlerischen Ehrung des Landes.